Afrika lesen

Einblicke

Die Serie «Einblicke» zeigt die Vielfalt und Aktualität der Sammlung anhand ausgewählter Dokumente. Im Gespräch mit Autorinnen, Filmemachern, Fachpersonen aus Forschung und Vermittlung sowie Aktivistinnen beleuchten wir aktuelle Fragen und Themen: den westlichen Blick auf Afrika, ambivalente Vermittlerfiguren, literarische Übersetzung sowie die Rolle von Archiven bei der Aufarbeitung postkolonialer Zusammenhänge.

Chudi Bürgi – Vierzig Jahre Vermittlung und Übersetzung afrikanischer Literaturen

Al Imfeld und Gerd Meuer: The richness of African literature – challenges and rewards, in Afrika 4, 1980.

 

Frankfurter Buchmesse 1980: Schwerpunkt «Afrikanische Literatur»

Die Sammlung dokumentiert die Anfänge der Vermittlung afrikanischer Literaturen in deutschsprachigen Ländern. Die Frankfurter Buchmesse von 1980 mit ihrem Fokus «Afrikanische Literatur» kann dabei als entscheidender Moment betrachtet werden. Dies macht der Artikel von Al Imfeld und Gerd Meuer ersichtlich.

Vor dem Hintergrund des Berliner Festivals «Horizons» von 1979 thematisieren Imfeld und Meuer in ihrem Artikel die Situation der in Frankfurt eingeladenen afrikanischen Gäste. Nach wie vor verhindern oftmals «politische Gründe» die Teilnahme wichtiger Autorinnen und Autoren: Wie sie schreiben, birgt das dritte Jahrzehnt der Unabhängigkeit vielerorts reale Gefahren für Literatinnen und Literaten, weshalb viele von ihnen im Exil wirken oder vorerst verstummen müssen. Am Berliner Symposium konnten sich jedoch diverse Autorinnen und Autoren teilweise zum ersten Mal versammeln und sich austauschen. Viele von ihnen haben dabei auch lautstark ihre Wut bezüglich der Arroganz und Dominanz der westlichen Kultur geäussert. Sie unterstrichen die unabdingbare Verknüpfung von Politik und Poesie: Die Literatur könne die Realität formen, ein Gedicht könne eine neue Realität schaffen. Das in Berlin zum Ausdruck gekommene «neue Selbstverständnis» und die «neuen Ideen» afrikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden dank Übersetzungen erstmals einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht. Rückblickend hat die Frankfurter Buchmesse von 1980 der Vermittlung und dem Vertrieb afrikanischer Literaturen einen kräftigen Schub gegeben.

 

Vierzig Jahre Literaturvermittlung: erste Pioniere und aktuelle Förderung

Die Literaturvermittlerin Chudi Bürgi blickt zurück auf die Anfänge und zieht Bilanz zur gegenwärtigen Förderlandschaft.

Was zeichnet Al Imfeld als Vermittlerpersönlichkeit aus?

Chudi Bürgi: Al Imfeld, Gerd Meuer und Peter Ripken bildeten mit anderen zusammen eine erste Generation von vorwiegend Männern, die sich mit viel Leidenschaft und Engagement für die Vermittlung von Literaturen aus Afrika im deutschsprachigen Raum einsetzten. Diese Gruppe hat Pionierarbeit geleistet – Al Imfeld war für die Vermittlungsarbeit in der Schweiz wegbereitend.

An der Frankfurter Buchmesse 1980 wurden afrikanische Literaturen erstmals explizit ins Zentrum gerückt – wie bedeutsam war diese Messe?

Sie war sehr wichtig. Das war eine Glanzleistung dieser ersten Generation von Vermittlern, denn vorher kursierten noch viele Vorurteile betreffend afrikanische Literaturen. Die Messe war zwar, soviel ich weiss, kein grosser kommerzieller Erfolg, doch war sie für die Wahrnehmung afrikanischer Literaturen sehr bedeutsam. Sie hatte eine nachhaltige Wirkung.

Wie hat sich die Vermittlung afrikanischer Literaturen seither entwickelt? Was ist heute anders im Vergleich zu 1980?

Im Unterschied zu damals hat sich die Bandbreite an Verlagen, die sich um die Vermittlung afrikanischer Literaturen kümmert, vergrössert. Ausserdem werden diese Literaturen in der heutigen Vermittlung eher als Teil einer Weltliteratur gehandelt. Die Initiative dieser ersten Generation von Vermittlungspersonen hat zur Gründung der Gesellschaft Litprom in Frankfurt geführt, die sich bis heute stark für die Literaturen aus Afrika, Asien und Lateinamerika engagiert und der Frankfurter Buchmesse angegliedert ist. Wie Artlink teilt Litprom das Ziel, dass es diese spezielle Förderung bald nicht mehr braucht.

Aber es braucht sie noch?

Ja, es braucht sie noch. Nehmen wir das Beispiel arabische Literatur: Die Anzahl an übersetzten Büchern aus diesem Raum ist minimal und massgeblich bestimmt vom Interesse des deutschsprachigen Marktes. Sie ist nicht repräsentativ für die literarische Vielfalt, die es im riesigen arabischen Raum eigentlich gibt. Gerade weil die Übersetzungsarbeit so teuer und dadurch für den Markt weniger attraktiv ist, muss man die Vermittlung dieser Literaturen weiterhin fördern.

Chudi Bürgi war am 23. November 2020 zu Gast beim Literaturmittag von Litar. Das Gespräch, aus dem hier Auszüge wiedergegeben werden, führten Christa Baumberger und Nicole Schmid.

 

Chudi Bürgi

Chudi Bürgi war von 1994 bis 2020 Co-Geschäftsleiterin von Artlink, einer Schweizer Fachstelle für Kultur und Kunst aus Lateinamerika, Afrika, Asien und Osteuropa. Während ihrer langjährigen Tätigkeit für Artlink war Chudi Bürgi für Literaturvermittlung und -förderung verantwortlich, dazu gehörte auch der «Andere Literaturklub». Vor ihrem Engagement für Artlink war sie als Journalistin für die WoZ tätig und hat diverse Artikel zu den Literaturen aus dem «Globalen Süden» verfasst.