Afrika lesen

Einblicke

Die Serie «Einblicke» zeigt die Vielfalt und Aktualität der Sammlung anhand ausgewählter Dokumente. Im Gespräch mit Autorinnen, Filmemachern, Fachpersonen aus Forschung und Vermittlung sowie Aktivistinnen beleuchten wir aktuelle Fragen und Themen: den westlichen Blick auf Afrika, ambivalente Vermittlerfiguren, literarische Übersetzung sowie die Rolle von Archiven bei der Aufarbeitung postkolonialer Zusammenhänge.

Einblick in die Geschichte und Literatur Äthiopiens

Die Legende der Königin von Saba, Inv. Nr. 10408, in Elisabeth Biasio: Äthiopien im Spiegel seiner Volksmalerei: Zur Äthiopiensammlung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich, Informationsblatt zur gleichnamigen Ausstellung, 1986.

Äthiopiens Sonderstellung innerhalb der afrikanischen Literaturen

Al Imfelds Artikelsammlung zeichnet sich durch ihre grosse Bandbreite aus. Zu vielen afrikanischen Literaturen aus den englischen, französischen und portugiesischen Sprachräumen lassen sich zahlreiche Dokumente finden. Sucht man aber vertiefter nach der Literatur Äthiopiens, so stösst man bald auf eine Grenze. Diese Lücke scheint Ausdruck eines Phänomens zu sein, das im Artikel «Ethiopian Writing Today» in Afriscope (1974) ergründet wird.

Der Artikel behandelt die Frage, wieso äthiopische Literatur von der afrikanischen Literaturkritik kaum beachtet wurde. Eher sei die historische Sonderstellung Äthiopiens bekannt, dass es als einziges afrikanisches Land neben Liberia nie kolonialisiert wurde. Der italienische Diktator Mussolini besetzte 1935 zwar das Land, doch scheiterte er beim Versuch, eine Kolonialherrschaft zu etablieren. Gründe für die ausbleibende Rezeption seien die Sprache und Zensur: Aufgrund der Unabhängigkeit blieb die Literatursprache in Äthiopien stets Amharisch, doch wurde nur wenig übersetzt. Parallel dazu habe die Zensur unter Kaiser Haile Selassie (1892-1975) einen enormen Druck auf die Schreibenden ausgeübt.

Der 1974 publizierte Beitrag markiert exakt das Jahr der Äthiopischen Revolution und der Absetzung des Kaisers. Dieser Umsturz prägte auch die 1971 in Äthiopien geborene Autorin Maaza Mengiste, die nach der Revolution mit ihrer Familie das Land verlassen musste. Mengiste gehört zu einer transnationalen Szene von jüngeren äthiopischen Autorinnen und Autoren, die sich in ihrem literarischen Schaffen mit der Geschichte Äthiopiens befassen und dabei auch blinde Flecken aufdecken.

 

«The stories came from a lot of digging»

By discussing her latest novel The Shadow King (2019), Maaza Mengiste reflects on women who went into war, history, memory and photography.

Could you briefly highlight the general idea of The Shadow King (2019)?

Maaza Mengiste: The novel is about women who fight in the Ethiopian army against Italian invaders in 1935 as well as about memory and what we imagine history to be. I also wanted to portray how photography has been used during times of conflict and how it depicts people, especially women, who are being victimized by violence.

During your extensive research process, you also lived in Rome and studied the Fascist material in archives. Have you noticed any differences in the way Italy and Ethiopia remember the war?

On the Ethiopian side, memories of defiance and courage were saved. All the stories I heard growing up involved brave men. There were no stories about collaborators, the violence against women or moments of defeat. There was no language for trauma. On the Italian side, stories of benevolence were remembered, e.g. that Italians built roads in Ethiopia. Yet, these roads connected military camps, not villages. If you look at the landscape, they do not make any sense. After generations of silence, discussions seem to have started now.

In your novel, taking photographs is depicted as an act of violence. Could you tell us more about this connection between photography and violence?

The soldiers unscrupulously took photographs of the atrocities they committed, which feeds into the colonial narrative, as photography was used to depict people as subhuman. At the same time, there were pictures that seemingly documented the opposite, e.g. soldiers who were posing next to a child. Those photographs had labels of the location and date. When I looked them up, I understood that these photographs marked moments prior to a massacre, so they were covering up the violence. Then there were the photographs of sexualized women and girls. Through a set by one photographer, I discovered that he moved along the line of secret execution sites, while taking these pictures. Thus, instead of documenting what happened in the landscape, he focused on the women. Again, that’s a camouflage, but it also helps you see how violence against women is closely connected to other war crimes.

The Shadow King (2019) is a novel about strong, complex and active women. How did these stories find you?

The stories came from a lot of digging, as there were no books published about the women at that time. So, I would occasionally find one line about a woman in a soldier’s journal or a photograph depicting one. It was slow work to bring in all the threads and try to create their history on my own.

Maaza Mengiste war am 30. März 2021 zu Gast beim Literaturmittag von Litar. Das Gespräch, aus dem hier Auszüge wiedergegeben werden, führte Nicole Schmid. Es fand auf Englisch statt.

 

Maaza Mengiste

Maaza Mengiste is an Ethiopian-American writer based in New York. She was born in 1971 in Addis Ababa, and left at the age of four when her family fled the Ethiopian Revolution. She spent the rest of her childhood in Nigeria, Kenya, and the United States. Her novels Beneath the Lion’s Gaze (2010) and The Shadow King (2019) are set against the backdrop of the more tumultuous parts of the history of Ethiopia, i.e. the revolution of 1974 and the invasion by Mussolini in 1935. 


Literaturen unabhängiger afrikanischer Nationen von 1960 bis 1990

Al Imfeld: Repräsentanten der afrikanischen Literatur (zweiteiliger Artikel): Anfänge und Übergänge, in Vaterland, 8. November 1980, Beschwörer einer menschlichen Zukunft, in Vaterland, 22. November 1980.

Al Imfelds Blick auf die postkolonialen Literaturen seit 1960

Als Vermittler afrikanischer Literaturen verfasste Al Imfeld auch zahlreiche Zeitungsartikel. Seine journalistische Tätigkeit, wie sein Schaffen generell, fallen in die Zeit des Postkolonialismus und der Unabhängigkeit diverser afrikanischer Nationen. In beiden Artikeln tastet er sich an eine literarische Einordnung rund um diesen politischen Moment des Umbruchs heran und stellt – ohne abschliessend zu sein – postkoloniale Autorinnen und Autoren des Kontinents vor.

Im Artikel «Anfänge und Übergänge» vom 8. November 1980 spricht Al Imfeld die Fülle und Diversität afrikanischer Literaturen und deren orale Traditionen an. Trotz der vielen Kontraste bildet die Erfahrung des Kolonialismus eine Gemeinsamkeit, die die orale Tradition durch das Aufzwingen der europäischen Sprachen, Werte und der Schrift beeinflusst habe. Eine neue Autorengeneration macht sich dieses «Phänomen des Dazwischenseins» aber zu eigen und «löst neue Visionen […] aus». Unter dem Titel «Beschwörer einer menschlichen Zukunft» präsentiert Al Imfeld in einem zweiten Artikel vom 22. November 1980 eine spätere Generation von Literatinnen und Literaten, die sich angesichts bestehender Probleme eine andere Unabhängigkeit gewünscht hätten.

Neben vielen frankophonen und lusophonen Schreibenden verweist Imfeld auch auf die anglophonen Schriftsteller Chinua Achebe aus Nigeria (1930-2013), Ayi Kwei Armah aus Ghana (*1939) und Ngugi wa Thiong’o aus Kenya (*1938), die mit ihrem Werk exemplarisch die Debatten der 1960er bis 1990er Jahre geprägt haben. Sie stehen im Zentrum des folgenden Gesprächs.

Al Imfeld, «Anfänge und Übergänge», 8. November 1980: PDF zum Download
Al Imfeld, «Beschwörer einer menschlichen Zukunft», 22. November 1980: PDF zum Download

 

«Drang nach neuem Denken»

Ein Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Ana Sobral über die Rolle der postkolonialen Literatur bei der Nationenbildung und die drei Autoren Chinua Achebe, Ayi Kwei Armah und Ngugi wa Thiong’o.

Welche Rolle spielte die postkoloniale Literatur bei der Nationenbildung von 1960 bis 1990?

Ana Sobral: Nach jahrhundertlanger Ausbeutung zeichnete sich mit der Unabhängigkeit vieler Nationen ein Drang nach neuem Denken ab, der in den Literaturen dieser Zeit mitgestaltet wurde. Die ehemaligen Kolonialstaaten mussten sich neu erfinden. Dafür wurde etwa die präkoloniale Geschichte wiederbelebt, um an die Zeit vor dem Kolonialismus zu erinnern. Zudem fand eine Auseinandersetzung mit den sozialen, kulturellen und ökonomischen Folgen des Kolonialismus statt. Autorinnen und Autoren verfassten Entwürfe neuer vereinender Werte, um ungeachtet der ethnischen, sprachlichen und kulturellen Diversität an der Nationenbildung mitzuwirken.

Für welches Zielpublikum schrieben afrikanische postkoloniale Autorinnen und Autoren?

Sie richteten sich von 1960 bis 1990 an verschiedene Lesende. Zum einen führten sie einen Dialog mit den ehemaligen Kolonialmächten, was man als «writing back» bezeichnet, und hinterfragten so die Bilder der Kolonialmächte von den Kolonialisierten. Wichtig war aber auch die lokale Leserschaft. Sie bestand in den 1960er Jahren aus einer elitären Minderheit, weil die Mehrheit der Menschen während der Kolonialzeit nicht schreiben und lesen lernen durfte. Mit der Zeit ist die afrikanische Leserschaft stark gewachsen, zudem ist auch ein internationaler Markt entstanden, der sich für Stimmen aus den ehemaligen Kolonien interessiert.

Für die nigerianische Literatur ist Chinua Achebe besonders prägend. Welche Themen greift er auf?

Als Igbo schreibt Achebe viel über seine eigene Kultur und Geschichte. In seinem berühmten Roman Things Fall Apart (1958) verhandelt er die drastischen Auswirkungen des ersten Kontakts zwischen den Kolonialmächten und der Igbo-Gemeinschaft. In späteren Werken wie Arrow of God (1964) oder No Longer at Ease (1960) befasst er sich mit der Entwicklung der Igbo-Kultur im modernen Nigeria. In A Man of the People (1966) oder Anthills of the Savannah (1987) entwirft er hingegen fiktive Länder, um über Postkolonialismus nachzudenken.

In welchem Kontext steht das Werk des ghanaischen Autors Ayi Kwei Armah?

Armah (*1939) gehört einer jüngeren Generation an. Ähnlich wie Achebe beschäftigt er sich mit der Entwicklung der Nation unter und nach dem Kolonialismus. Armah repräsentiert aber die Enttäuschung nach der Unabhängigkeit, weil die grossen Ideale wie Freiheit und Authentizität uneingelöst blieben. Die Erfahrung, dass sein Land unter Korruption leidet, prägt Armahs ersten Roman The Beautyful Ones Are Not Yet Born (1968). In Two Thousand Seasons (1973) und The Healers (1978) zeigt sich sein Interesse an (prä-)kolonialer Geschichte. In den Werken Fragments (1970) und Why Are We So Blessed? (1972) reflektiert Armah über transnationale Identitäten. Nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa oder den USA zuhause zu sein, ist bis heute ein sehr aktuelles Thema.

Was zeichnet das Werk des kenyanischen Schriftstellers Ngugi wa Thiong’os aus?

Ngugi (*1938) zählt zu den wichtigsten Autoren Afrikas, weil er nicht nur Romane, Kurzgeschichten oder Theaterstücke, sondern auch Essays verfasst. Bei ihm ist das Thema des Widerstands gegen die Folgen des Kolonialismus im unabhängigen Kenya wesentlich. Ngugi geht aber weiter als Armah, denn er setzt sich zusätzlich als Aktivist für die Rechte und Bildung der Menschen in seiner Umgebung ein. So schreibt er seit 1978 nicht mehr auf Englisch, der Sprache der Elite, sondern in seiner Erstsprache Gikuyu. Er will mit seinen Texten die Menschen erreichen, die unter der Korruption der Elite leiden. Die Frage nach den Verstrickungen zwischen Sprache, Macht und Identität diskutiert er in Decolonising the Mind (1986) und Moving the Center (1993).

Ana Sobral war am 15. März 2021 zu Gast beim Literaturmittag von Litar. Das Gespräch, aus dem hier Auszüge wiedergegeben werden, führten Christa Baumberger und Nicole Schmid.

 

Ana Sobral

Ana Sobral war von 2015 bis 2021 Assistenzprofessorin für Global Literatures in English an der Universität Zürich. Seit März 2021 ist sie bei Artlink für den Bereich Literatur zuständig und bietet eigene Workshops und Trainings zum Thema Postkolonialismus an. Aktuell schreibt sie ein Buch über die Globalisierung der Rap-Musik aus einer postkolonialen Perspektive. Ana Sobral ist in Angola geboren und aufgewachsen und lebt heute in Zürich.


Ambivalente Vermittlerfiguren und die Rolle des Archivs bei der postkolonialen Aufarbeitung

Ernst J. Kläy: Westafrikanische Handwerker – Sonderausstellung der Abteilung für Völkerkunde des Bernischen Historischen Museums mit Sammlungen von René Gardi, in Der Bund, 4. August 1974.

Der Schweizer Ethnograph René Gardi: ein ambivalenter Vermittler afrikanischer Kulturen

Der Reiseschriftsteller, Fotograf und Filmer René Gardi (1909-2000) prägte von den 1950er bis zu den 1980er Jahren das Afrikabild in der Schweiz und galt lange als Afrika-Experte. So waren etwa Gardis umfangreiche ethnografische Sammlungen 1974 bis 1975 im Rahmen einer Ausstellung im Bernischen Historischen Museum zu sehen, wie E. J. Kläys Zeitungsartikel belegt.

Gemäss Kläy enthalten die Gardi-Sammlungen viele Objekte des traditionellen westafrikanischen Handwerks, wie das der Mafa aus dem Mandara-Gebirge. In der Ausstellung wurden teils rituelle Objekte mit Gardis Fotografien von Arbeitenden inszeniert. Die Ausstellung erhob laut Kläy keinen Anspruch auf «eine systematische Darstellung des gesamten westafrikanischen Handwerks», hatte aber zum Ziel, die aktuelle Lebens- und Arbeitswelt der Menschen wiederzugeben, nämlich so «wie sie René Gardi beobachtet, gesammelt und fotografisch dokumentiert hat».

Aus heutiger Sicht berichtet der Artikel relativ differenziert über das Ausstellen afrikanischer Objekte. Allerdings bleibt Gardi als Experte unhinterfragt, wodurch sein bedenkliches Afrikabild reproduziert wird: Gardis Darstellung eines vormodernen Afrikas hat nämlich wenig mit den afrikanischen Realitäten zu tun und ist von eigenen Wünschen durchdrungen. Aus dieser fehlenden Unterscheidung zwischen Projektionen und Realitäten entsteht eine Ambivalenz, die Gardi als Vermittler in ein anderes Licht rückt.

 

Mischa Hedingers Kinodokumentarfilm «African Mirror» (2019) über René Gardi

Für seinen Film «African Mirror» hat Mischa Hedinger Archivalien aus dem Nachlass des Schweizer Ethnographen René Gardi verwendet. Ein Gespräch über die Entstehung seines Projekts, problematische Afrikabilder und die Rolle von Archiven bei der postkolonialen Aufarbeitung.

Wie ist Gardi als Ethnograph und Filmer vorgegangen?

Mischa Hedinger: Gardi suchte ein Paradies, das urbane Afrika interessierte ihn nicht. Zugleich war das Paradies immer schwerer zu finden, da die Modernisierung längst eingesetzt hatte. Er musste die Idylle inszenieren: So gab er etwa den Menschen Geld, damit sie einen alten Ofen wieder in Betrieb nahmen und er die traditionelle, nicht mehr praktizierte Eisenherstellung filmen konnte. Gardi hat viel weggelassen und eingegriffen, er hat ein subjektives Afrikabild kreiert. Er hat auch Parallelen zur Schweiz hergestellt, indem er etwa die Ethnie der Mafa mit den widerständigen Schweizer Berglern verglich. Es ist paradox: Einerseits wollte Gardi weg von der Schweiz, anderseits suchte er sie in Afrika.

Ende der 1970er Jahre scheint es um Gardi ruhig geworden zu sein. Weshalb?

Gardi war in den 1980ern noch populär. Doch setzte Ende der 1960er Jahre auch ein kritisches Denken ein, das den afrikanischen Stimmen Raum gab und viel reflektierter mit der Geschichte zwischen dem Norden und Süden umging. In diesen Diskurs lässt sich Al Imfelds Werk einordnen, wobei gewiss auch darin Projektionen stecken. Es ist wichtig, dass man diese kritisch reflektiert.

Im Film lassen Sie Archivalien ganz «für sich sprechen». Nur durch die Auswahl und Anordnung der Dokumente greifen Sie als Filmemacher ein. Gardis koloniale Erzählmuster enthüllen sich so wie von selbst. Weshalb haben Sie diese Strategie gewählt?

Genau, das Projekt besteht nur aus Archivalien, ich habe weder einen Kommentar noch Interviews gemacht. Ich habe lange überlegt, ob es eine aktuelle afrikanische Sicht auf Gardis Werk braucht und mich mit dem kamerunischen Wissenschaftler Tevodai Mambai, der als Mafa zu Gardi geforscht hat, ausgetauscht. Ich habe mich dann dagegen entschieden, weil ich finde, dass das Publikum durch diese Form am meisten gezwungen wird, mitzudenken und sich zu positionieren. Mambais Perspektive wurde in die Begleitpublikation integriert.

Wie kann ein Archiv wie das von Gardi zur postkolonialen Aufarbeitung beitragen?

Indem man es als historische Quelle begreift. Wie man das Archiv benützt und bewertet, kann sehr verschieden sein. Mambai etwa betont den Widerspruch, dass Gardis Archiv einerseits vom kolonialen Blick geprägt ist, anderseits Aufnahmen seiner Vorfahren und deren Brauchtum enthält. Für ihn haben die Archivalien daher trotzdem einen historischen Wert. Das ist sehr ambivalent, umso zentraler ist es, wie man Archive einbettet. Ich glaube, solches Material birgt auch Chancen: Ich möchte Gardi nicht anprangern, sondern ihn in diesen Ambivalenzen thematisieren und Denkräume auftun.

Mischa Hedinger war am 19. Januar 2021 zu Gast beim Literaturmittag von Litar. Das Gespräch, aus dem hier Auszüge wiedergegeben werden, führten Christa Baumberger und Nicole Schmid.

 

Mischa Hedinger

Mischa Hedinger (*1984) ist freischaffender Filmemacher und Editor. 2013 realisierte er den Dokumentarfilm «Assessment», der an der Duisburger Filmwoche mit dem «Carte Blanche»-Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde. 2019 feierte sein erster Kinodokumentarfilm «African Mirror» Premiere an der Berlinale, er wurde für den Schweizer Filmpreis nominiert und gewann den Berner Filmpreis. Mischa Hedinger lebt und arbeitet in Zürich.


Vierzig Jahre Vermittlung und Übersetzung afrikanischer Literaturen

Al Imfeld und Gerd Meuer: The richness of African literature – challenges and rewards, in Afrika 4, 1980.

 

Frankfurter Buchmesse 1980: Schwerpunkt «Afrikanische Literatur»

Die Sammlung dokumentiert die Anfänge der Vermittlung afrikanischer Literaturen in deutschsprachigen Ländern. Die Frankfurter Buchmesse von 1980 mit ihrem Fokus «Afrikanische Literatur» kann dabei als entscheidender Moment betrachtet werden. Dies macht der Artikel von Al Imfeld und Gerd Meuer ersichtlich.

Vor dem Hintergrund des Berliner Festivals «Horizons» von 1979 thematisieren Imfeld und Meuer in ihrem Artikel die Situation der in Frankfurt eingeladenen afrikanischen Gäste. Nach wie vor verhindern oftmals «politische Gründe» die Teilnahme wichtiger Autorinnen und Autoren: Wie sie schreiben, birgt das dritte Jahrzehnt der Unabhängigkeit vielerorts reale Gefahren für Literatinnen und Literaten, weshalb viele von ihnen im Exil wirken oder vorerst verstummen müssen. Am Berliner Symposium konnten sich jedoch diverse Autorinnen und Autoren teilweise zum ersten Mal versammeln und sich austauschen. Viele von ihnen haben dabei auch lautstark ihre Wut bezüglich der Arroganz und Dominanz der westlichen Kultur geäussert. Sie unterstrichen die unabdingbare Verknüpfung von Politik und Poesie: Die Literatur könne die Realität formen, ein Gedicht könne eine neue Realität schaffen. Das in Berlin zum Ausdruck gekommene «neue Selbstverständnis» und die «neuen Ideen» afrikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden dank Übersetzungen erstmals einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht. Rückblickend hat die Frankfurter Buchmesse von 1980 der Vermittlung und dem Vertrieb afrikanischer Literaturen einen kräftigen Schub gegeben.

 

Vierzig Jahre Literaturvermittlung: erste Pioniere und aktuelle Förderung

Die Literaturvermittlerin Chudi Bürgi blickt zurück auf die Anfänge und zieht Bilanz zur gegenwärtigen Förderlandschaft.

Was zeichnet Al Imfeld als Vermittlerpersönlichkeit aus?

Chudi Bürgi: Al Imfeld, Gerd Meuer und Peter Ripken bildeten mit anderen zusammen eine erste Generation von vorwiegend Männern, die sich mit viel Leidenschaft und Engagement für die Vermittlung von Literaturen aus Afrika im deutschsprachigen Raum einsetzten. Diese Gruppe hat Pionierarbeit geleistet – Al Imfeld war für die Vermittlungsarbeit in der Schweiz wegbereitend.

An der Frankfurter Buchmesse 1980 wurden afrikanische Literaturen erstmals explizit ins Zentrum gerückt – wie bedeutsam war diese Messe?

Sie war sehr wichtig. Das war eine Glanzleistung dieser ersten Generation von Vermittlern, denn vorher kursierten noch viele Vorurteile betreffend afrikanische Literaturen. Die Messe war zwar, soviel ich weiss, kein grosser kommerzieller Erfolg, doch war sie für die Wahrnehmung afrikanischer Literaturen sehr bedeutsam. Sie hatte eine nachhaltige Wirkung.

Wie hat sich die Vermittlung afrikanischer Literaturen seither entwickelt? Was ist heute anders im Vergleich zu 1980?

Im Unterschied zu damals hat sich die Bandbreite an Verlagen, die sich um die Vermittlung afrikanischer Literaturen kümmert, vergrössert. Ausserdem werden diese Literaturen in der heutigen Vermittlung eher als Teil einer Weltliteratur gehandelt. Die Initiative dieser ersten Generation von Vermittlungspersonen hat zur Gründung der Gesellschaft Litprom in Frankfurt geführt, die sich bis heute stark für die Literaturen aus Afrika, Asien und Lateinamerika engagiert und der Frankfurter Buchmesse angegliedert ist. Wie Artlink teilt Litprom das Ziel, dass es diese spezielle Förderung bald nicht mehr braucht.

Aber es braucht sie noch?

Ja, es braucht sie noch. Nehmen wir das Beispiel arabische Literatur: Die Anzahl an übersetzten Büchern aus diesem Raum ist minimal und massgeblich bestimmt vom Interesse des deutschsprachigen Marktes. Sie ist nicht repräsentativ für die literarische Vielfalt, die es im riesigen arabischen Raum eigentlich gibt. Gerade weil die Übersetzungsarbeit so teuer und dadurch für den Markt weniger attraktiv ist, muss man die Vermittlung dieser Literaturen weiterhin fördern.

Chudi Bürgi war am 23. November 2020 zu Gast beim Literaturmittag von Litar. Das Gespräch, aus dem hier Auszüge wiedergegeben werden, führten Christa Baumberger und Nicole Schmid.

 

Chudi Bürgi

Chudi Bürgi war von 1994 bis 2020 Co-Geschäftsleiterin von Artlink, einer Schweizer Fachstelle für Kultur und Kunst aus Lateinamerika, Afrika, Asien und Osteuropa. Während ihrer langjährigen Tätigkeit für Artlink war Chudi Bürgi für Literaturvermittlung und -förderung verantwortlich, dazu gehörte auch der «Andere Literaturklub». Vor ihrem Engagement für Artlink war sie als Journalistin für die WoZ tätig und hat diverse Artikel zu den Literaturen aus dem «Globalen Süden» verfasst.