Fotografien Pier Nello Manoni, Volterra, 2009.

Fernando Oreste Nannetti «Buch aus Stein» | Volterra 

Ein steinernes Buch – ein einmaliges Werk, rätselvoll und vergänglich. Fernando Oreste Nannetti (1927-1994) hat es im Innenhof der psychiatrischen Klinik von Volterra in die Fassade geritzt. Acht Jahre lang (1959-1961 und 1968-1973) bearbeitete er Tag für Tag mit der Gürtelschnalle das Mauerwerk, bis die Inschriften sich schliesslich über mehr als 70 Meter hinzogen. Bereits 1979, als die Klinik für immer geschlossen wurde, waren die Graffitis stark verwittert. Heute sind die Mauerinschriften fast gänzlich abgeblättert und nur noch an wenigen Stellen überhaupt sichtbar.

Nannetti, der 1954 die Diagnose Schizophrenie erhielt und 1956 wegen Beamtenbeleidigung erstmals interniert wurde, kam 1959 in die psychiatrische Klinik von Volterra. Bis zu seinem Tod 1994 verbrachte er fast vier Jahrzehnte ohne Unterbruch in Anstalten. In Volterra hatte er einzig mit dem Pfleger Aldo Trafeli, der sein künstlerisches Schaffen unterstützte, näheren Kontakt. Sonst zog er sich ganz in seine eigene Welt und ins Schweigen zurück. Dass es sich um eine schöpferische Stummheit handelte, belegen seine Graffitis. Man kann sie als eine besondere Art der Auflehnung gegen eine Institution verstehen, die ihm die Freiheit verwehrte, zugleich aber auch viel Raum zur kreativen Entfaltung bot. Die Inschriften offenbaren denn auch eine ungeahnte sprachliche Kreativität. Seine Arbeitstechnik ist bemerkenswert: Zuerst ritzte N.O.F. 4, wie er sich nannte, Rechtecke von etwa 120 x 120 cm in die Wand und schuf sich damit sein «Papier». Da hinein platzierte er seine Botschaften und versah sie mit Zeichnungen von Menschen, Tieren, Gebäuden oder Sternen. Poetische Glanzlichter («Wie ein freier Schmetterling bin ich die ganze Welt gehört mir und ich bringe alle zum Träumen») stehen umstandslos neben dem Menüplan («Der Teigwarenesser Spaghetti mit Tomatensauce») und Botschaften, die er über Telepathie aus dem All empfing. Eine ebenso faszinierende wie delirierende Welt zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit.

Die Fotografien stammen von Pier Nello Manoni aus dem Ausstellungskatalog der Collection de l’Art Brut: Nannetti. Hg. von Lucienne Peiry. Lausanne, Infolio 2011.


Flugblattkunst 1980 | Zürich

Zürich 1980: Eine Stadt in Aufruhr, die Jugendlichen protestieren und fordern, fordern, fordern – Freiraum, Lebensraum, Kunstraum. Sie wollen alles, und zwar subito! Ein heisser Sommer steht bevor…

Lange vor dem Dauerrauschen in Social-Media-Kanälen sind Flugblätter das Sprachrohr der 80er-Bewegung. Es wird getextet und gestaltet, kreiert und kopiert, was das Zeug hält. Aus heutiger Sicht sind diese Flugblätter mit ihren Botschaften und Aufrufen (oft zu Demonstrationen) viel mehr als ein reines Agitprop-Instrument. Die «Flugis» verbinden Politik, Aktion und Kunst. Geschaffen sind sie aus Wut oder Verzweiflung, formuliert mit heiligem Ernst, aber auch mit Humor und (Selbst-)Ironie. Im gelungensten Fall entstehen Sprachkunstwerke, die heute noch elektrisieren, an dadaistische Collagen erinnern und ästhetisch visionär weit über die 80er-Jahre hinausweisen.

Eugen Stiefel (damals Präsident der Kreisschulpflege Limmattal) ist es zu verdanken, dass die «Flugis» nicht einfach im Müll gelandet sind. Silvan Lerch und Peter Bichsel haben diesen «Schatz» gehoben und eine Vielzahl der Dokumente in einem wunderschönen Band herausgegeben: «Autonomie auf A4. Wie die Zürcher Jugendbewegung Zeichen setzte. Flugblätter 1979-82». Zürich, Limmat Verlag 2017. Seither befinden sich die (Er-)Zeugnisse bewegter Zeiten als Sammlung im Bestand des Sozialarchivs Zürich.

Was meinen 80er-Aktivist:innen im Rückblick zu ihrer Flugblattkunst?

«Was mir am Flugblatt gut gefiel, war, dass es allen als Sprachrohr dienen konnte.» Elinor Burgauer

«Die Flugblätter waren Ausdruck unserer Autonomie.» Olivia Heussler

«Flugis waren kreativ, pointiert, frech – und gratis für die Abnehmer, also das ideale Propagandamittel. Mit ihnen konnten wir Menschen auf eine sehr direkte Art ansprechen.» Markus Kenner

«Flugis beinhalten zwar meist Aufforderungen. wir aber nutzten sie als Plattform, um uns in freier künstlerischer Form zu äussern.» Barbara Hiestand / Christoph Müller 

«Ich gebe dir mein Flugi, du gibst mir deins. Das war eine Form von Netzwerkaufbau.» Josy Meier

Die hier präsentierten Flugblätter sowie alle Zitate stammen aus dem Band «Autonomie auf A4». Hg. von Silvan Lerch und Peter Bichsel. Zürich, Limmat 2017. Der Band ist leider vergriffen. Mit herzlichem Dank an die Herausgeber, den Limmat Verlag und das Sozialarchiv Zürich für die Abbildungen.


Katharina Cibulka: Solange | Courtesy the artist, 2020, Fotos: Florian Biber, Katharina Cibulka, Bernd Hofbauer

Katharina Cibulka «Solange» | Wien, Innsbruck, Rabat

200 bis 400 Quadratmeter gross sind die Kunstwerke der österreichischen Künstlerin Katharina Cibulka (*1975), und ähnlich gross sind auch die gesellschaftlichen Missstände, wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht. Die Schweiz hat in Sachen Gleichberechtigung bis heute Aufholpotenzial. Gerade einmal fünfzig Jahre sind es her, dass mann den Frauen das Stimmrecht zugestanden hat. Hat sich das Problem seither erledigt? Nein! meinen die über 500 000 Demonstrantinnen, die am zweiten Schweizer Frauenstreik 2019 auf die Strasse gingen. Es gibt noch viel zu tun!

(Wie lange) müssen wir uns noch für Gleichberechtigung einsetzen oder haben wir den Gipfel der Emanzipation bereits erreicht? Für das interaktive Kunstprojekt «Solange» hat Katharina Cibulka unzählige Personen zum Thema Feminismus befragt. Statt zum Megaphon greift die Künstlerin zum Kabelbinder und stickt ihre Slogans im klassischen Kreuzstich auf die Gerüstnetze von Grossbaustellen rund um die Welt:

Solange Macht dazu verführt, Frauen zu missbrauchen, bin ich Feminist.

Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist.

Solange Frauenpower als Energiequelle unterbewertet ist, bin ich Feministin.

Die riesigen Botschaften prangen unübersehbar in den Stadtzentren von Wien, Innsbruck, Rabat (Marokko) und an vielen weiteren Orten: Es sind klare Ansagen, gespickt mit pointiertem Wortwitz und Humor. Sie legen gesellschaftliche Machtstrukturen offen und regen zur Diskussion an. Das Jubiläumsjahr 2021 ist der perfekte Zeitpunkt, um das Kunstprojekt endlich auch in der Schweiz zu zeigen. Denn 50 Jahre Frauenstimmrecht Schweiz genügen nicht. Die Frage steht noch immer im Raum: (Wie lange) bist du Feministin? Solange … 

«Solange» wurde bereits an 14 Orten gezeigt, nur in der Schweiz noch nie. Falls Sie eine geeignete Baustelle kennen, so schreiben Sie an: info@litar.ch oder Instagram: @solange_theproject  

Weitere Informationen: katharina-cibulka.com


Thomas Hirschhorn: Robert Walser-Sculpture  | Courtesy the artist, 2019

Thomas Hirschhorn «Robert Walser-Sculpture» | Biel

«Ich habe Robert Walser versprochen, das zu machen», sagt der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn (*1957), der mit seinen partizipativen Installationen international grosse Bekanntheit erlangt hat. Was? Keine Skulptur. Als Hommage an den grossen Schweizer Autor Robert Walser baute Thomas Hirschhorn im Sommer 2019 auf dem Bahnhofplatz in Biel eine Stadt in der Stadt und sprayte Walsers Texte auf Sperrholz.

An Thomas Hirschhorns Robert Walser-Sculpture kam im Sommer 2019 niemand vorbei. Vor dem Bahnhof in Biel wurde man mit Transparenten empfangen: «Be an Outsider! Be a Hero! Be Robert Walser!» Mitten auf dem Platz eine wachsende, pulsierende, überbordende Robert Walser-Township aus Sperrholz und braunem Klebeband. Eine Stadt aus Holzverschlägen, in denen gezimmert, gekocht und gedichtet wurde. Schmale Gänge führten über Brücken zu Plätzen und Nischen und manchmal auch ins Nirgendwo. Mittendrin eine Arena mit einer offenen Bühne für alle, die sich zu Robert Walser oder zum Stand der Welt äussern wollten. Und das waren viele. Thomas Hirschhorns wollte kein Museum, sondern einen lebendigen Ort der Begegnung und des Dialogs schaffen: «Es geht nicht um Kultur, es geht nicht um Architektur. Die Menschen sind wichtig, nicht die Plattform. Die Menschen machen die Skulptur». 

Das Präsenz- und Produktionsprojekt wurde im September 2019 vollständig abgebaut, doch Robert Walsers Werk bleibt bestehen. Man kann es zwischen Buchdeckeln lesen oder in dieser Fotoserie auf Sperrholz entdecken.


Lawrence Weiner: Ball bearings or round stones | Courtesy the artist and Mai 36 Galerie Zurich

Lawrence Weiner «Ball bearings or round stones …» | Zürich

Bellevue, Helvetiaplatz, Limmatplatz – drei stark frequentierte Plätze mitten in Zürich.  Tausende Passanten überqueren sie täglich, kaum jemand sieht auf den Boden. Auf jedem der Plätze sind jedoch drei Stahlplatten in den Asphalt eingelassen. Auf Deutsch, Englisch und Italienisch heisst es da:

 

// Kugellager oder runde Steine zum Rollen gebracht ausserhalb was ist //

// Ball bearings or round stones made to roll outside of what there is //

// Cuscinetti a sfera o ciottoli levigati fatti rotolare al di fuori da ciò che è //


Das dreiteilige Werk stammt vom US-amerikanischen Konzeptkünstler Lawrence Weiner (*1942). Er verwendet mit Vorliebe Sprache als künstlerisches Material. Aus Wörtern und Sätzen destilliert er Aussagen, die in ihrer Kürze und Offenheit zum Nachdenken anregen. Seine Sprachbilder treten in einen Dialog mit der Umgebung und den Menschen. Der Künstler übersetzt selber, er folgt dabei nicht den gängigen Sprachregeln, sondern den Regeln seiner eigenen Kunst. Damit fordert er unser Verstehen heraus.

Weiners Werk lädt ein, für einen kurzen Augenblick innezuhalten. Es stellen sich Fragen: Verfolge ich den geraden Weg und gehe darüber hinweg oder weiche ich aus? Wohin führt dieser Schritt? Und welche 'runden Steine' bringen etwas ins Rollen? 

Weiner setzt etwas in Bewegung: Gedanken, Beine oder eben Steine.

Sein Werk bringt die Ziele von Litar anschaulich zum Ausdruck: abseits vom Etablierten kleine und grosse Steine ins Rollen bringen und damit etwas bewegen. Das Übersetzen als eigenständige künstlerische Leistung verstehen. Und der Sprache und Mehrsprachigkeit im Alltag einen künstlerischen Wert geben.