Merz Welt

Dunkelkammer: Ausstellungsansicht Aussen ist innen

Dunkelkammer | Ausstellungsansicht «Aussen ist innen», Forum Schlossplatz Aarau. Foto: Peter Koehl.

 

Dunkelkammer

Was inspiriert Klaus Merz? Welche Personen, Bilder und Dinge haben ihn in den sechzig Jahren seines Schaffens begleitet und angeregt? Die Installation in der Ausstellung «Aussen ist innen» im Forum Schlossplatz bietet Einblick in die persönliche ‹Dunkelkammer› des Autors.

«Unter den Sätzen muss noch etwas liegen, hinter den Wörtern verbergen sich weitere Schichten, Vibrationen, latentes Material eben. Das möchte ich aufscheinen lassen, damit muss man arbeiten – so jedenfalls verstehe ich mein Metier.»

–      Klaus Merz

Der behutsame Umgang mit Verborgenem zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen von Klaus Merz. Der Text «Latentes Material» (1978) spielt sogar in einer Dunkelkammer. Der Protagonist ist Fotograf, ein «Licht- und Schattenschreiber», der eigentlich lieber Schriftsteller geworden wäre. In seiner Dunkelkammer entwickelt er keine Bilder, sondern er hält Augenblicke und Erinnerungen fest. Diese frühe Erzählung enthält bereits die Grundzüge der Poetik von Klaus Merz.

Die Dunkelkammer ist auch ein Leitmotiv der Theaterproduktion «Eine Ahnung vom Ganzen», die das Theater Marie zum 80. Geburtstag von Klaus Merz kreiert hat:

«In diesem Raum habe ich oft das Gefühl, bei mir selber zu sein. Ich komme mir nirgends so frei und unabhängig vor wie auf diesen drei mal vier Metern.» Mit diesen Worten öffnet der Schauspieler Christoph Rath in unserem Theaterabend die Dunkelkammer aus dem Text «Latentes Material» von Klaus Merz. Und natürlich spricht Christoph mit diesen Worten auch aus tiefster Seele über die Bühne und das Spielen an sich: Was Klaus in seinem Text im Verborgenen entwickelt, verlässt bei uns quasi die Buchseiten und gelangt ans Licht, wird hör- und sichtbar. Der zitierte Satz spricht auch über das Paradoxon der Bühne: Ich muss ganz bei mir selber sein, um mich nach aussen zu wenden und etwas darzustellen – ganz nach dem Motto «Aussen ist innen».

–      Manuel Bürgin, Regisseur und Co-Leitung Theater Marie

 

Eine Ahnung vom Ganzen – Theater Marie

Zum 80. Geburtstag von Klaus Merz lädt Theater Marie zu einer Reise durch den literarischen Kosmos des grossen Aargauer Erzählers ein. Während im geschmückten Festsaal alle auf den grossen Auftritt des Jubilars warten, wird die Hinterbühne zum Refugium für Figuren aus dem Werk von Klaus Merz, die ihrem Autor ein besonderes Ständchen halten. In Kooperation mit Litar und dem Forum Schlossplatz.

Mehr Infos und Spieldaten: Produktionsseite «Eine Ahnung vom Ganzen»
Im Rahmen der Produktion ist auch die gleichnamige Podcastfolge entstanden. Mehr Infos: Podcast «Backstage»

Die Ausstellung «Aussen ist innen» im Forum Schlossplatz Aarau wurde verlängert und ist noch bis zum 1. März 2026 zu sehen.

Ausstellungsansicht Aussen ist innen

Ausstellungsansicht «Aussen ist innen», Forum Schlossplatz Aarau, 5.9.2025–1.3.2026. Foto: Peter Koehl.

 

Was bleibt?

Es ist «Noch Licht im Haus»: Geprägt von Klaus Merz’ dritter Lebensphase stellen viele Gedichte im gleichnamigen Band (Haymon Verlag 2023) existenzielle Fragen: Was bleibt? Was nehmen wir mit, wenn unsere Erdentage gezählt sind? Die Einsicht in die eigene Endlichkeit und die Aussicht ins weite Himmelszelt verdichten sich in der Literatur von Klaus Merz.

«Das Ende (…) war mir von Anfang an irgendwie vertraut. Aufgrund meiner Familiengeschichte bin ich mit Krankheit und Tod früh konfrontiert worden. (…) Vielleicht dachte ich deshalb auch beim Schreiben oft: Dies könnte dein letztes Buch sein.» – Klaus Merz

Zwar ist das Ende in Klaus Merz’ Texten präsent, doch blitzt hier und da ein versteckter Schalk hervor und Heiterkeit hellt die schweren Themen von unten her auf. «Es darf durchaus auch lüpfig zu- und hergehen», meint der Autor selbst dazu. Und so ist nach vielen «letzten» Büchern bislang immer noch ein neues gefolgt. Mit dem Erscheinen des neunten Bandes der Werkausgabe «Von Weitem umzingelt» (2025) bemühe er sich nun aber entschieden, «nichts mehr festzuhalten».

Zurück bleibt ein reicher Fundus an Texten – und die Einladung, sich von ihnen anregen zu lassen, sie weiterzuspinnen, weiterzudenken. Im Rahmen des «Atelier Litera» liessen sich acht Jugendliche bei ihrem Besuch der Ausstellung «Aussen ist innen» im Forum Schlossplatz von Klaus Merz’ Poetik inspirieren – so auch Vanessa Giallella:

 

Was bleibt?

Eine Reise so wunderschön.
In ein anderes Land, dir noch nicht bekannt.
Freunde und Familie so weit entfernt, aber das Heimweh wie verlernt.
Du erkennst die wahre Schönheit der Sprachen und welches Glück wir haben.
Irgendwann mit schwerem Herzen, dachte nicht, dass es so wird schmerzen, geht die Reise auch zu Ende.
Was bleibt?
Die Freundschaft und der Kontakt, den wir pflegen, die Fotos und die Momente, die wir erlebten.

–      Vanessa Giallella

 

Die weiteren Texte der jugendlichen Teilnehmenden können Sie hier nachlesen.

Die Ausstellung «Aussen ist innen» wurde verlängert und ist noch bis zum 1. März 2026 im Forum Schlossplatz Aarau zu sehen.

 

Atelier Litera

Das Atelier Litera ist ein Aargauer Angebot der Volksschule an der Schule Lenzburg im Aargauer Literaturhaus, das im Rahmen der Begabungsförderung realisiert wird. Die Jugendlichen profitieren von dem inspirierenden, lebendigen literarischen Leben vor Ort durch Veranstaltungsbesuche und Begegnungen mit Schriftsteller:innen und werden von der Schriftstellerin und Expertin für Begabungsförderung Svenja Herrmann gecoacht, unterstützt von der Schriftstellerin Ulrike Ulrich.

Porträt Nora Gomringer

Porträt Nora Gomringer. Foto: Judith Kinitz.

 

Am Drehort

Schauplatz Leben:
Klappe, die erste!
Und einzige.

Leer dreht
der Regiestuhl neben
der laufenden Kamera.

–      Klaus Merz «Am Drehort», in: «Noch Licht im Haus», Haymon Verlag 2023, S. 24.

 

Drehort, Tatort, W-ort

Die Kamera ist ein seltsames Ding. Sie hat ihr eigenes Auge und eine Art von Speicher, nennen wir ihn ausnahmsweise Erinnerung. Man kann also Klaus Merz nachgehen und nicken, ja, im Leben, das einer Filmproduktion ähnelt, da liegt ein Auge auf allem. Aber wessen Auge, und wie blickt es wohl auf alle? Mit Milde, mit Zorn, mit versichernder Güte oder völlig – und das macht doch grosse Angst – ungerührt beziehungsweise unrührbar? Das ist unbekannt. (…)

Auf der Suche nach mir «behilflichen» Berufen, denn auch ich wollte ordnen und die Ordnung irgendwie einrichten, konnte oder wollte aber noch nicht schreiben, streifte ich einst den Job der Produktionsassistentin (…). Ich sehe mich noch wie ich Filmsets putze und alles herrichte. Auch mein Auge war zugegen, nur zählte mein Blick nichts. Ob er heute mehr zählt? Manchmal, wenn keiner schaute, setzte ich mich in den Stuhl, der für den Regisseur oder, in selteneren Fällen, für die Regisseurin vorgesehen war. Es fühlte sich gut an, «und Scene!» in den leeren Raum zu rufen. Und unheimlich, weil Merz Recht hat: Das Leben ist ein Schauplatz, von einer Kamera in den Blick gefasst, die stetig schaut. Wer hat die angestellt? Und wer hält sie am Laufen? (…)

Gute Gedichte führen immer so oder ähnlich ins Spekulieren und Nachdenken, ins Gedankenmöbel Umherschieben. Stets und immer sei dem Lyriker Klaus Merz dafür: grösster Dank.

 

Ein literarisches Echo der Autorin Nora Gomringer auf Klaus Merz’ Gedicht «Am Drehort». Das Echo ist in der Ausstellung «Aussen ist innen» zu sehen: Forum Schlossplatz Aarau, 5. September 2025 bis 18. Januar 2026. Der gesamte Text ist nachzulesen in der Edition Litar 06 «Merz Welt», herausgegeben von Christa Baumberger und Lena Friedli. Eine Kooperation von Litar und Forum Schlossplatz.

 

Nora Gomringer

Nora Gomringer (*1980) ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin und schreibt für Radio und Feuilleton, veröffentlicht Kolumnen und Essays. Seit 2010 ist sie Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg/Bayern. 2015 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2020 die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz und 2022 den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis. Seit 2023 ist sie Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Ihr Werk ist in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Porträt Melinda Nadj Abonji

Porträt Melinda Nadj Abonji. Foto: Alessandro Della Bella / Keystone-SDA.

 

Befehlsgewalt

Die Wunderschuhe anziehen! befahl
Grossmutter, setzte sich zu uns
aufs Kanapee, begann zu erzählen:
Schon waren wir über alle Berge.

–      Klaus Merz «Befehlsgewalt», in: «Aus dem Staub», Haymon Verlag 2010, S. 25.

 

Kanapee einfach

In Klaus Merz’ Gedicht «Befehlsgewalt» spricht nicht das Oberhaupt einer Armee, kein Politiker, keine Firmenchefin – wie dem Titel nach zu erwarten wäre – sondern die Grossmutter: «Die Wunderschuhe anziehen!»

Doch wie gehorcht man dem Befehl «Wunderschuhe anziehen»? Eingeweihte wissen es – die Kinder verstehen die Anweisung der Grossmutter sofort, nämlich als Codewort, und da die Kinder (noch) in der Welt der Phantasie leben, müssen sie für die bevorstehende Reise nichts tun, ausser sich auf dem Kanapee in Bereitschaft bringen, um der Erzählung der Grossmutter Gehör zu schenken. (…)

Dieses Gedicht en miniature, es erzählt charmant und schön, verspielt und ernst von der Kraft der Poesie und ihrer Poetologie – beides in einem, à la Merz, kein Blabla, sondern köstlicher Sirup; keine schmallippige Belehrung, sondern Anschauungsunterricht. Oh und der Witz! Er sitzt im Titel, im Tempo, im Umkrempeln der Erwartungen: Befehlen und sich dann als Leserin hinsetzen zu den Befehlsempfängern? Genau so!

Und ich höre das Gedicht als Chor: Helle, frei klingende Stimmen, die nicht aufhören, sondern immer wieder beginnen, eine zärtlich-kräftige Ode an die Poesie.

 

Ein literarisches Echo der Autorin Melinda Nadj Abonji auf Klaus Merz’ Gedicht «Befehlsgewalt». Das Echo ist in der Ausstellung «Aussen ist innen» zu sehen: Forum Schlossplatz Aarau, 5. September 2025 bis 18. Januar 2026. Der gesamte Text ist nachzulesen in der Edition Litar 06 «Merz Welt», herausgegeben von Christa Baumberger und Lena Friedli. Eine Kooperation von Litar und Forum Schlossplatz.

 

Melinda Nadj Abonji

Melinda Nadj Abonji (*1968 in Bečej in der Provinz Vojvodina) ist Autorin, Musikerin sowie Vize-Präsidentin des Vereins TESORO. Sie hat in Zürich Germanistik und Geschichte studiert. Diverse Kollaborationen, u.a. mit Jurczok 1001, Simone Keller, Balts Nill und Mich Gerber. 2010 erhielt sie für ihren Roman «Tauben fliegen auf» den Deutschen und Schweizer Buchpreis und 2018 für «Schildkrötensoldat» den ZKB Schillerpreis. 2022 wurde sie mit dem Erich-Fried-Preis ausgezeichnet.

Porträt Theres Roth-Hunkeler

Porträt Theres Roth-Hunkeler. Foto: Ayse Yavas.

 

Aussen ist innen 

Ein Zimmer und dahinter
das erinnerte Zimmer.

Zwischen den Bäumen
verliert sich der See.

Und der Tisch bleibt
gedeckt für drei Gäste,
ragt über den Tag hinaus.

Im Alkoven ruht still
das Geheimnis:

Tritt zu mir ans Fenster
und träum, was du siehst.

–      Klaus Merz «Aussen ist innen», in: «Noch Licht im Haus», Haymon Verlag 2023, S. 63.

 

Zimmerstunden

Gewisse Bilder sind Fixsterne. Man kann sich mit ihnen so innig verbinden wie mit einem Menschen. Sie sind verlässlich. Bleiben da. Nie droht ein Abschied. Sie erwidern den Blick, jedes Mal neu, jedes Mal anders. Zwiesprache. Zweitsprache. Frage und Gegenfrage. (…)

Vor dem Fenster wirbeln Jahreszeiten und blinde Zukunft durcheinander, während du im gemalten Zimmer verweilst. Es spricht zu dir, auch heute, du siehst dich um und lauschst. Dir ist, als sei auch die Malerin anwesend. Zwischen zwei und vier Uhr nachmittags malte sie Interieurs in ihrem schmalen Atelier, während ihre beiden Kinder Mittagsschlaf hielten. Dein Blick wandert, die Fenster stehen offen, dann kehrt er zurück und fällt wieder auf das kleinformatige Zimmer, ein frühes Geschenk der Liebsten, wer weiss. Du nimmst es erneut in Augenschein und plötzlich geht dir auf, was du schon immer ahntest: Auswendig lernst du dieses Bild nie.

 

Ein literarisches Echo der Autorin Theres Roth-Hunkeler auf Klaus Merz’ Gedicht «Aussen ist innen». Das Echo ist in der Ausstellung «Aussen ist innen» zu sehen: Forum Schlossplatz Aarau, 5. September 2025 bis 18. Januar 2026. Der gesamte Text ist nachzulesen in der Edition Litar 06 «Merz Welt», herausgegeben von Christa Baumberger und Lena Friedli. Eine Kooperation von Litar und Forum Schlossplatz.

 

Theres Roth-Hunkeler

Theres Roth-Hunkeler (*1953) lebt in der Zentralschweiz und oft in Berlin. Schreiben, Lesen und Literaturvermittlung sind die Schwerpunkte, die auch ihre langjährige Lehrtätigkeit an Kunsthochulen bestimmt haben. Sie hat neben Erzählungen und Essays acht Romane publiziert, zuletzt «Damentour» (2025), «Damenprogramm» (2023), «Geisterfahrten» (2021), alle erschienen im Verlag edition bücherlese, Luzern. Sie bloggt unter https://roth-hunkeler.ch/blog/

Porträt Teresa Präauer

Porträt Teresa Präauer. Foto: Martin Stöbich.

 

An schulfreien Nachmittagen stemmte ich den schweren Sonnenschein unserer Familie über die fast unüberwindbaren Stufen in ein Abteil dritter Klasse hinauf. 
Der Bruder sass aufrecht neben mir auf der Holzbank und schaute unter seiner ausladenden Stirn hervor in die vorbeiziehende Landschaft hinaus.
Das Reisen machte uns leicht. Dass er nicht gehen konnte, vergassen wir nicht. Aber fahren, fliegen, singen, das wussten wir, das ging.

– Klaus Merz, Auszug aus «Jakob schläft», Haymon Verlag 1997, S. 60.

 

«Jakob schläft» wiederlesen

Gerade habe ich «Jakob schläft» von Klaus Merz wiedergelesen. Ich weiss gar nicht, zum wievielten Mal. Das erste Mal war ich jünger und habe noch mehr gelesen als geschrieben, vielleicht hat sich das mittlerweile gedreht. Aber nein! Das Schreiben kommt doch vom Lesen, denke ich oft, gerade nach der Lektüre eines Buchs wie «Jakob schläft». (…)

Beim Wiederlesen jetzt habe ich mich ans erste Lesen erinnert: Klaus Merz lesen heisst für mich, auch wieder ein bisschen lesen zu lernen, Wort für Wort. So wie man von acht Buchstaben, KIND RENZ, lesen lernen kann. So wie auch die Radiostationen Europas, vorgelesen, wie ein Gedicht klingen können, wenn man das so hören mag und kann. Und wie die Geschichte des beeinträchtigten Bruders, der Sonne genannt wird, sein Aussehen, seine auffallende Erscheinung, bei der Dorfbevölkerung den «lokalen Bedarf» nach «Sensationsjournalismus» zu decken vermag …

Seit dem ersten Lesen von «Jakob schläft» sind viele Jahre vergangen. Mein Vater (Jakob oder Jacob) ist bald danach gestorben, und manchmal, in meinen Gedanken, schläft auch er bloss, wacht auf, springt auf, spricht mit mir und legt sich dann wieder zur Ruhe. Die wenigen wichtigen Lektüreerfahrungen in einem Leben sind vielleicht auch ein bisschen wie schlafende Lieben, die man beim Wiederlesen wachküsst, Wort für Wort, Zunge an Zunge.

 

Ein literarisches Echo der Autorin Teresa Präauer auf Klaus Merz’ Roman «Jakob schläft». Das Echo ist in der Ausstellung «Aussen ist innen» zu sehen: Forum Schlossplatz Aarau, 5. September 2025 bis 18. Januar 2026. Der gesamte Text ist nachzulesen in der Edition Litar 06 «Merz Welt», herausgegeben von Christa Baumberger und Lena Friedli. Eine Kooperation von Litar und Forum Schlossplatz.

 

Teresa Präauer

Teresa Präauer (*1979) ist Schriftstellerin und lebt in Wien. Sie studierte Germanistik und Malerei in Salzburg, Berlin und Wien, schreibt Romane, Essays und eine literarische Kolumne in der SZ. 2021 hielt sie u.a. die Zürcher Poetikvorlesung. Ihre Arbeit wurde ausgezeichnet mit dem Erich-Fried-Preis 2017, dem Ben-Witter-Preis 2022, sowie dem Bremer Literaturpreis 2024 für «Kochen im falschen Jahrhundert» (Wallstein Verlag 2023).

Gespräch mit Alex Oberholzer

Alex Oberholzer im Gespräch mit Nicole Schmid im Rahmen der Veranstaltung «Kindheit und Kranhkeit» in der Galerie Litar, 25. September 2025. Foto: Litar.

 

Kindheit und Krankheit – Gespräch mit Alex Oberholzer

Kindheit, Krankheit und Behinderung prägen die Welt der 1950er Jahre in Klaus Merz’ Roman «Jakob schläft» (1997). Der Autor und Publizist Alex Oberholzer (*1953) ergänzt diese literarische Perspektive mit persönlichen Einblicken aus seiner Autobiografie «Im Paradies der weissen Häubchen – Meine Kindheit im Spital» (Hier und Jetzt, Zürich 2023).

Das Gespräch führte Nicole Schmid.

 

Sie haben die ersten zwölf Lebensjahre im Spital verbracht – fernab von der Familie und Aussenwelt. Wie ist es dazu gekommen?

Ich kam 1953 mit einer Gehbehinderung auf die Welt. Kaum hatte ich mit einer Gehhilfe das Laufen gelernt, erkrankte ich 1954 an Kinderlähmung – ein Jahr vor der Einführung des Impfstoffs. Wir, die letzten Fälle, kamen als Langzeitpatient:innen ins Spital Affoltern am Albis.

Damals war es den Eltern grundsätzlich verboten, uns zu besuchen – aus Furcht vor Ansteckung und dem immer neu aufflammenden Heimweh.

Welche Bedeutung hatten die Pflegerinnen für Sie?

Die Schwestern waren unsere Ersatzfamilie, unsere Mütter. Dank ihnen konnte ich ein sehr glückliches Leben führen – und ihnen ist auch dieses Buch gewidmet.

Schwester Marianne blieb mir besonders in Erinnerung, weil sie uns jeden Abend ein kleines Kreuz auf die Stirn zeichnete – eine unendlich liebevolle Geste in einem Spital, wo jeglicher Körperkontakt untersagt war. Als ich von ihrer bevorstehenden Heirat erfuhr, war ich am Boden zerstört. Wie konnte sie uns für einen Mann verlassen? Wir kannten nur drei «Arten» von Männern und vor ihnen hatten wir Angst: den Chefarzt bzw. «Folterer», den Gärtner und den Orthopäden.

Sie sprechen die qualvollen orthopädischen Massnahmen der 1950/60er Jahre an. Wie haben diese den Alltag geprägt?

Auf der Station hiess es: «Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch seinen aufrechten Gang.» Obwohl unsere Körper alle verkrümmt waren, wurden sie in Gehapparate und Korsetts hineingezwängt. Einige konnten so mühsam ein paar Schritte mit Krücken oder Rollatoren gehen. Kinder, die gar nicht gehen konnten, erlitten noch viel mehr – und heute unvorstellbare – Qualen.

Früher glaubte man an die Kraft der Orthopädie – heute wissen wir, dass diese Starrheit für den Körper schädlich ist und nur Bewegung ihn gesund hält. Mit zwanzig habe ich das Korsett aus Trotz weggeschmissen, noch entgegen jeglicher ärztlichen Weisung.

Der Alltag war aber nicht nur von Geräten, Apparaten und Therapien bestimmt, sondern auch von einer «grossen Langeweile». Nachmittags wurden die Kinder in die «Ligi» geschickt und ruhiggestellt – für Sie ein «Albtraum», bis Sie ein Radio bekamen. Welche Bedeutung erlangte das Radio für Sie?

Es war ein Tor zur Welt: Ich empfing zwar nur einen Sender, Radio Beromünster, und doch ahnte ich bereits die Möglichkeiten, die in diesem Gerät steckten. Insbesondere das Kriminalhörspiel «Gestatten, mein Name ist Cox» zog mich regelrecht in den Bann.

Ein weiterer Sehnsuchtsort war der weite Himmel. Wir schauten stets den Flugzeugen nach und malten uns Geschichten aus, wie wir später die Flugzeuge mit unseren Krücken auf die Pisten weisen würden. Auch die Sterne, wie etwa der Grosse Wagen und Orion, faszinierten mich und öffneten meinen Blick auf die Welt.

Auch in Klaus Merz’ Roman «Jakob schläft» verlieren sich die Figuren oftmals in den Hörspielen des Landessenders Beromünster oder in der Betrachtung des Nachthimmels. Bei Merz werden diese Momente jedoch als kleine Familienrituale beschrieben – ein Familienleben, das Sie damals nicht kannten, auch nicht dann, als Sie mit zwölf Jahren von einem Tag auf den anderen «nach Hause» geschickt wurden: Ihre Eltern blieben Ihnen fremd und die Rückkehr empfanden Sie als «Hölle». Haben Sie einen Weg zurück ins «Paradies» gefunden?

Erst als ich das Spital verlassen musste, begriff ich, dass ich dort in einem «Paradies» gelebt hatte. Wo mir zuvor Aufzüge und helfende Hände zur Verfügung standen, erschwerten mir nun in dieser «Hölle» – zuhause und in der Schule – die endlosen Treppen und die soziale Ausgrenzung das Leben.

Eine Erleichterung erfuhr ich, als ich in den Sommerferien ins Kinderspital musste. Ich blühte wieder auf, also fragte ich eine Schwester, ob ich meine Wochenenden künftig dort verbringen dürfte. Mein Wunsch – bisher einmalig – wurde erfüllt: So organisierte ich auch eigenständig die Transporte, bis ich zwanzig war.

Diese Zeit hat mich gerettet und lehrte mich auch im sozialen Umgang: In den stundenlangen Gesprächen mit dem Personal übte ich, mich mit Worten interessant zu machen, mit der Sprache zu spielen … Das hat mir meine ganze Zukunft ermöglicht.

 

Alex Oberholzer

Alex Oberholzer (*1953) ist Autor, Publizist, studierter Mathematiker, Germanist und Kunsthistoriker, und war jahrzehntelang als Filmredaktor und -kritiker bei Radio24 tätig. 2023 ist im Hier und Jetzt Verlag seine Autobiografie «Im Paradies der weissen Häubchen – Meine Kindheit im Spital» erschienen.

Video Still Sascha Garzetti

Video-Beitrag von Sascha Garzetti für die Ausstellung «Merz Welt» in der Galerie Litar Zürich. Video Still: Noah Frey. 

 

Kleine Sprungbretter in die weite Welt

Im Elternhaus des Aargauer Autors Sascha Garzetti gab es nicht viele Bücher. Er entdeckte Klaus Merz als Jugendlicher und war fasziniert von den Texten, die ihn wie kleine Sprungbretter aus dem Nahen in die Weite katapultierten – und umgekehrt.

 

Was fasziniert Sie an «Jakob schläft»?

Mich fasziniert die Bewegung des Textes – dieses ständige Hinein- und Herauszoomen, von der Totalen in die Nahaufnahme. Diese Bewegung ist wie ein ständiges Pulsieren, die dem Text seinen Herzschlag verleiht. Als Leser:in kann man sich im ersten Teil eines Satzes noch im Büro des Vaters befinden und im nächsten plötzlich in Alaska. Überhaupt funktionieren die Texte von Klaus Merz wie kleine Sprungbretter, die uns vom Nahen, Alltäglichen hinaus in die Weite katapultieren – und umgekehrt.

Beeindruckend ist auch der Umgang des Autors mit Motiven. In «Jakob schläft» wird quasi ein Motiv aufgegriffen, das später neu entfaltet und durchgespielt wird. So zieht es sich durch den gesamten Roman und – ich würde sogar behaupten – über die Textgrenzen hinweg. Bei Klaus Merz kommunizieren die Texte häufig auch über Motivisches miteinander – etwas vom Spannendsten, das Literatur für mich anstellen kann.

Wann haben Sie Klaus Merz entdeckt?

Als Gymnasiast musste ich in einer Deutschlektion eine selbst gewählte Lektüre vorstellen. Da in meinem Elternhaus nicht viel gelesen wurde, konnte ich zuhause keine Lektüre aus einem Bücherregal zücken. Also ging ich in die Buchhandlung, wo mir die Erzählung «Los» (2005) von Klaus Merz in die Hände fiel. Ich war sogleich fasziniert von diesem Text, vor allem von der Sprache. Mir wurde bewusst, dass diese Sprache so genau und sparsam gesetzt ist, dass sich zwischen diesen einzelnen Sätzen ganze Abgründe auftun – was mich damals nicht erschreckt, sondern eher angezogen hat. Vielleicht hing dies auch mit der Lebensphase zusammen, in der man die eigenen Abgründe langsam zu erahnen beginnt. Ich vermute jedoch, dass ich darin vielmehr den Raum für einen selbst entdeckt habe.

Was macht den Text aktuell?

Ein zentrales Thema in «Jakob schläft» scheint mir die Versehrtheit der Menschen zu sein. Alle Menschen sind im Verlauf ihres Lebens mit einer Form von Versehrtheit konfrontiert und müssen einen Umgang damit finden. Das gehört zu den Bedingungen des Menschenlebens dazu, wodurch der Text für mich zeitlos und damit auch aktuell bleibt. Vor allem in der Gegenwart, in der wir durch Nachrichten und die sozialen Medien ständig mit der Schieflage der Welt und den Versehrtheiten anderer Menschen konfrontiert sind, kann ein Text wie «Jakob schläft» dafür sorgen, dass wir durchlässig bleiben für das, was geschieht und was anderen Menschen widerfährt. Die Lösung dieser Probleme ist natürlich politisch, doch ich glaube, die Bewahrung dieser Durchlässigkeit ist aktuell von unsagbarer Wichtigkeit.

 

Das vollständige Gespräch ist als Video in der Ausstellung «Merz Welt» zu sehen: Galerie Litar Zürich, 13. September bis 29. November 2025.

 

Sascha Garzetti

Sascha Garzetti (*1986) schreibt Lyrik und Prosa und lebt in Baden (Aargau). Er studierte Germanistik, Geschichte und skandinavische Literatur an der Universität Zürich. Heute unterrichtet er Deutsch an einem Gymnasium und Literarisches Schreiben an einer Volkshochschule. Als Mitglied der Basler Lyrikgruppe kuratiert er das Lyrikfestival Basel und den Basler Lyrikpreis mit.

Video Still Marion Graf

Video-Beitrag von Marion Graf für die Ausstellung «Merz Welt» in der Galerie Litar Zürich. Video Still: Noah Frey. 

 

Die Knappheit der Sprache

Kaum jemand kennt das Werk von Klaus Merz so von innen: Marion Graf ist die langjährige Übersetzerin ins Französische. Sie hat gelernt, die «heimliche Hilfsbereitschaft der Wörter wie ein unverhofftes Geschenk anzunehmen».

 

Was fasziniert Sie an «Jakob schläft»?

Die Welthaltigkeit des Textes: Im kleinsten Format vermag er die ganze Welt einzufangen. Sie findet sich in den Höhenflügen der Fantasie oder in der Tiefe, wenn die Kinder im Sandkasten graben … Die Welthaltigkeit erstreckt sich bis hin zum Kosmos, der bereits im Namen des Bruders «Sonne» mitklingt, oder bis zur Malerei, mit der sich Klaus Merz intensiv beschäftigt. Auch im Fantastischen liegt sie, mit den Motiven Tod und Krankheit ist sie ebenfalls eng verbunden, die Figuren gelangen dadurch an die Extreme des Lebens.

Der Zusammenhalt der Familie in diesem Buch wird unglaublich stark – und nicht etwa pathetisch oder selbstbemitleidend – dargestellt. Einerseits thematisiert es die Nähe, Liebe und Unterstützung innerhalb der Familie und anderseits die boshafte Ausgrenzung innerhalb des Dorfes. Dieses Spannungsverhältnis wird vor allem an der Figur von Marietta ersichtlich, dem Dienstmädchen aus Italien, die während dem Krieg ein Auge verloren hat: Eine Seite ihres Gesichts ist im klassischen Sinne schön, während die andere Hälfte durch ihre Verletzung versehrt ist. Klaus Merz hat einmal gesagt, er schreibe quasi der Nase von Marietta entlang. Die Schönheit und das Leiden gehören für ihn zusammen …

Seit wann übersetzen Sie Klaus Merz? Welches sind die besonderen Herausforderungen?

«Jakob schläft» ist das erste Buch, das ich übersetzt habe. Die Herausforderung liegt vor allem in der Knappheit der Sprache von Klaus Merz. Er bedient diesen besonderen Schatz an Wörtern, die er stets aneinander reibt, oftmals mehrdeutig verwendet und sehr sorgfältig im Text verwebt. Diese Knappheit in den Sätzen oder in seiner Lyrik ist besonders anspruchsvoll zu übersetzen.

Wie wurde «Jakob schläft» in Frankreich und der Romandie aufgenommen?

Klaus Merz wurde von den französischsprachigen Verlagen, wie etwa von Éditions Zoé mit «Jakob schläft», sehr positiv aufgenommen – auch von den Rezensent:innen. Bei den Leser:innen ist er noch nicht ganz an seinem richtigen Platz. Ich könnte mir vorstellen, dass es am Umschlag der französischen Übersetzung liegt. Während die Originalausgabe mit ihrer abstrakten und reduzierten Titelvignette eine Offenheit zulässt, weckt der französische Umschlag mit dem klassizistischen Porträt eines Kleinkinds ganz andere Leseerwartungen. Grosses Echo hat Klaus Merz aber sicher bei vielen Schulklassen ausgelöst mit seiner Art, über die eigene Kindheit und diese welthaltigen Themen zu sprechen.

 

Das vollständige Gespräch ist als Video in der Ausstellung «Merz Welt» zu sehen: Galerie Litar Zürich, 13. September bis 29. November 2025.

 

Marion Graf

Marion Graf (*1954) hat in Basel, Lausanne, Woronesch und Krakau russische, spanische und französische Literatur studiert. Sie ist die französische Übersetzerin u. a. von Robert Walsers und Klaus Merz’ Werk. Für ihre Tätigkeit als Übersetzerin vom Deutschen und Russischen ins Französische wurde sie mehrmals ausgezeichnet, zuletzt 2020 mit dem Schweizer Spezialpreis Übersetzung. Zudem ist sie Literaturkritikerin und war von 2010 bis 2023 verantwortlich für die Revue de Belles-Lettres. Sie lebt und arbeitet in Schaffhausen.

Video Still Susanne Schmetkamp

Video-Beitrag von Susanne Schmetkamp für die Ausstellung «Merz Welt» in der Galerie Litar Zürich. Video Still: Noah Frey. 

 

«Jakob schläft» – eine fast magische Erfahrung

Die Philosophin Susanne Schmetkamp spricht über ihre Faszination für «Jakob schläft» und zeigt auf, wie aktuell die Gestaltung von Krankheit und Tod in diesem kurzen Roman für die heutige Zeit ist.

 

Was fasziniert Sie an diesem kurzen Roman?

Die Lektüre war eine wundervolle und fast magische Erfahrung. Mich fasziniert die Atmosphäre, die dieser Text entfaltet, nicht nur beim Lesen, sondern auch im Nachwirken. Ich hatte dabei eine ungewöhnliche ästhetische Erfahrung, denn sie hatte etwas Ganzheitliches und Abgerundetes, jedoch auch etwas Krisenhaftes und Elliptisches an sich – sowohl inhaltlich als auch formal.

Sie beschäftigen sich als Philosophin mit Empathie, Tod und Trauer. Wie werden diese existenziellen Themen in «Jakob schläft» gestaltet?

Durchaus ambivalent. Zum einen sind Krankheit, Tod und Trauer sehr präsent im Text, zumal die Familie Renz tragische Schicksale erleidet: Jakob, der ältere Bruder des Ich-Erzählers, stirbt bei der Geburt, und der jüngere Bruder, Sonne, kommt mit einer körperlichen Beeinträchtigung zur Welt. Zugleich lebt die Familie in einer Zeit, in der Krankheit und Tod eher ausgeklammert wurden. So wird etwa das verstorbene Kind, Jakob, auf dem Kreuz nur «Kind Renz» genannt. Mit dem Namen des anderen Bruders, «Sonne», suggeriert der Text allerdings, dass Krankheit und Tod im Dorfleben der 1950/60er Jahre doch auch einen Ort erhalten und die Familien erschüttert haben.

Darüber hinaus ist die Mutter depressiv und bleibt weitgehend im Schatten, was ihre Betroffenheit insofern stimmig wiedergibt. Der Vater wirkt auf mich auch nachdenklich. Er bewahrt aber trotz aller Rückschläge eine Zuversicht und einen Hauch von Humor, obwohl er selber an Epilepsie erkrankt ist. Dies alles  – das Verhältnis des Erzählers zu seiner Familie, aber auch das des Autors zu seinen Figuren – ist von Liebe und Einfühlsamkeit geprägt. Es verleiht dem Schrecklichen trotz allem viel Ruhe.

Was macht den Text aktuell?

Der Text ist für mich zeitlos und historisch zugleich. Für unseren heutigen Umgang mit Trauer und Tod finde ich es enorm hilfreich, darüber nachzudenken, wie in anderen Jahrzehnten Menschen mit diesen Themen umgegangen sind. Wie der Tod zum Beispiel den Erzähler als heranwachsenden Jungen geprägt hat. Der elliptische Stil des Romans spielt dabei eine grosse Rolle. Es gibt viele Auslassungen – manches wissen wir nicht, wir erfahren fast mehr über den Alltag des Jungen. Für die heutige Zeit ist die Frage relevant:  Wie gehen Kinder und Geschwister mit dem Tod um? Die Akzeptanz des Todes innerhalb der Familie, wie sie in «Jakob schläft» dargestellt wird, ist für mich sehr anschlussfähig und damit auch aktuell.

 

Das vollständige Gespräch ist als Video in der Ausstellung «Merz Welt» zu sehen: Galerie Litar Zürich, 13. September bis 29. November 2025.

 

Veranstaltung

Lesung und Gespräch mit Klaus Merz und Susanne Schmetkamp am Donnerstag, 30. Oktober 2025 um 19.30 im Literaturhaus Zürich.

Susanne Schmetkamp

Empathie, Tod und Trauer sind Themen, mit denen sich Susanne Schmetkamp (*1977) seit vielen Jahren auseinandersetzt – als Philosophin und Assistenz-Professorin an der Universität Fribourg sowie als Mutter von zwei verstorbenen Kindern. Neben ihrer akademischen Tätigkeit arbeitet sie auch als Moderatorin und Autorin.

Video Still Mariann Bühler

Video-Beitrag von Mariann Bühler für die Ausstellung «Merz Welt» in der Galerie Litar Zürich. Video Still: Noah Frey. 

 

Die ganze Welt zumuten

Die Autorin Mariann Bühler erzählt, wie die Begegnung mit Klaus Merz als Schülerin ihr das eigene Schreiben möglich gemacht hat. In «Jakob schläft» wurde ihr zum ersten Mal «die ganze Welt zugemutet».

 

Was fasziniert Sie an «Jakob schläft»?

Beim Wiederlesen nach vielen Jahren ist mir vor allem die Fülle aufgefallen, die der Text in seiner Kürze hat. Die Fülle an Figuren, Stimmungen und Themen … wie der Text bearbeitet ist im allerbesten Sinne, wie die Worte auf ihre Bedeutungen abgeklopft werden und miteinander in Beziehung treten. Da entsteht ein Resonanzraum, eine Choreografie, die etwas in Bewegung bringt, sich fast wie etwas Lebendiges verhält und alles zu einem Ganzen verbindet, in das ich tief eintauchen kann.

Hat Klaus Merz Sie als Autorin inspiriert?

Auf jeden Fall, «Jakob schläft» war das erste Buch, in dem mir die ganze Welt zugemutet wurde. Gleichzeitig kannte ich diese Welt, das Dorfleben, bereits. Ein Schlüsselmoment für mich war eine Lesung von Klaus Merz an meiner Schule. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass die Autor:innen, deren Bücher ich lese, in der gleichen Welt leben wie ich. Das Schreiben ist erst dann überhaupt möglich für mich geworden.

Gibt es Bezüge zwischen Ihrem Debütroman «Verschiebung im Gestein» (2024) und «Jakob schläft»?

Ja, einerseits ist der Handlunsgort, dieser ländliche Raum, sehr ähnlich, auch wenn einige Jahrzehnte dazwischen liegen. Auch die Figuren sind auf eine gewisse Weise verwandt – in beiden Büchern kommt ein Jakob in einer Bäckerei vor, allerdings sind diese Figuren sehr unterschiedlich. Die Art, wie sich Klaus Merz seinen Figuren annähert, erklärt mir auf eine gewisse Weise, wie ich mich meinen Figuren annähern möchte.

  

Das vollständige Gespräch ist als Video in der Ausstellung «Merz Welt» zu sehen: Galerie Litar Zürich, 13. September bis 29. November 2025.

 

Mariann Bühler

Mariann Bühler (*1982) ist Autorin und Literaturvermittlerin. Ihr erster Roman «Verschiebung im Gestein» (Atlantis Literaturverlag) war für den Schweizer Buchpreis 2024 nominiert. Aktuell hat sie mit Tabea Steiner das Projekt «brüten wir die welt neu aus» zu Verena Stefan «50 jahre häutungen» konzipiert:
www.verenastefan.ch

 

Fotoporträt einer jenischen Familie

Klaus Merz und Christa Baumberger in der Ausstellung «Merz Welt», Galerie Litar, 12.09.2025. Foto: Jairo N'tango. 

 

VON SCHWERE LEICHT – Gespräch mit Klaus Merz

Ein Gespräch über die Anfänge und das Ende, das Meisterwerk «Jakob schläft» und die Beziehung zum Dichterbruder Martin Merz. Das Gespräch führte die Kuratorin Christa Baumberger.

 

Sie sind dieses Jahr achtzig geworden. Können Sie sich erinnern, wann Sie begonnen haben, zu schreiben?

Ich begann bereits im Lehrerseminar zu schreiben. Lesen half mir, die Welt etwas vertrauter zu machen, und ich bemerkte, dass das eigene Benennen der Dinge eine weitere Möglichkeit darstellt, der existenziellen Fremdheit entgegenzutreten: Was einen Namen hat, ist uns nicht mehr ganz fremd. Macht weniger Angst, wird nah- und begreifbarer.

International bekannt wurden Sie 1997 mit «Jakob schläft». Das Buch – «Eigentlich ein Roman» – ist eng mit der Familiengeschichte verwoben und doch nicht autobiografisch. Es handelt von einer Familie mit drei Kindern, von denen eines bei der Geburt verstorben ist und ein zweites mit einer Beeinträchtigung zur Welt kam. Auch Ihr Bruder Martin Merz (1950–1983) hatte einen Hydrozephalus.

Bereits im Seminar meinte ein Kollege, dass ich mit meiner Biografie und meinem familiären Hintergrund geradezu dafür prädestiniert sei zu schreiben, der Stoff liege ja auf der Hand. Doch man muss warten können. Von Elsbeth Pulver stammt das Diktum, dass viele Autorinnen und Autoren ihr Familiensilber viel zu früh verscherbeln, indem sie bereits Anfang zwanzig einen autobiografischen Roman schreiben.

Sie warteten fast dreissig Jahre bis zu «Jakob schläft» …

Ja, dann erst war die Sprache da, um diesen Stoff zu packen. Zu dem Zeitpunkt waren bereits alle meiner Herkunftsfamilie verstorben, und ich als Erzähler war befreit von der Verpflichtung, sogenannt faktentreu zu beschreiben. Nur «wahrheitsgemäss», das sollte es sein. Schreiben braucht Zeit, und es hat etwas mit erdauern zu tun.

Wie wäre «Jakob schläft» herausgekommen, wenn Sie den Text in jungen Jahren geschrieben hätten?

«Jakob schläft» mit zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren geschrieben – das wäre zwar durchaus denkbar gewesen, wäre wohl aber eher ein Lamento geworden, dramatischer, tragischer, spannender vielleicht. Aber der «Klang» der Erzählung wäre noch nicht derselbe gewesen. Der Warteprozess und die verschiedenen frühen Texte dienten dazu, den Stoff langsam ins Exemplarische zu wenden.

Sie standen Ihrem jüngeren Bruder sehr nahe, und Martin Merz hat ebenfalls Gedichte geschrieben («Gedichte eines Kindes», 1968; «Zwischenland», 1983 / 2003). Können Sie etwas zu dieser besonderen Bruder-Dichter-Beziehung sagen?

Martin kam mir immer vor wie ein «Findling» in dieser Welt. – «Köpfe alter Menschen / liegen quer / in meinem Innern», heisst es in einem seiner Gedichte. – Auch mir ist er bis heute ein mir «Eingeborener» geblieben, nah und rätselhaft zugleich.

«Jakob schläft» spielt in den 1950er Jahren in einem Dorf. Zwei Dinge öffnen diese kleine Welt radikal: der Blick ins Weltall und der Landessender Beromünster (Deutschschweizer Rundfunkanlage). Welche Bedeutung haben diese zwei Dinge für Sie?

Es war Mutters Gespür für das Schöne, das uns nährte, und Vater, der unsere Blicke – weit über die kleine innerfamiliäre Schicksalsgemeinschaft und sein tägliches Brot hinaus – immer wieder auf Orion und den Grossen Wagen am nächtlichen Himmelszelt hinlenkte. Und auf den nahen Landessender Beromünster, über den die grosse weite Welt zu uns ins Wynental hereinfand.

Zum Schluss die Frage: Welche Bedeutung hat für Sie das Ende?

Das Ende – als Angst oder Trost, Zuversicht oder Schrecken – war mir von Anfang an vertraut. Aufgrund meiner Familiengeschichte bin ich mit Krankheit und Tod früh konfrontiert worden. Vielleicht dachte ich deshalb beim Schreiben oft: Dies könnte dein letztes Buch sein. Bei «Latentes Material» ging mir durch den Kopf: «Nun bist du schon 33 Jahre alt, jetzt musst du noch einmal den Sack zuschnüren, noch einmal sagen, was dir zu sagen möglich ist.» Dasselbe bei «Jakob schläft», bei den Erzählungen, bei «Los» oder «Der Argentinier» bis zu «Aus dem Staub» …

Das ganze Gespräch mit Klaus Merz können Sie nachlesen in: Edition Litar 06 «Merz Welt».
Bezug: info@litar.ch  |  8.– CHF (zzgl. Versandkosten)

 

Klaus Merz

Klaus Merz wurde 1945 in Aarau geboren und ist im Wynental (Kanton Aargau) aufgewachsen. Sein Werk umfasst mehr als dreissig meist schmale Bücher, hauptsächlich Gedichte und Kurzprosa. Klaus Merz ist ein Sprachverdichter und -künstler, ein Meister der Andeutung und des Lakonischen. Für sein Werk hat er zahlreiche Preise erhalten, zuletzt 2024 den Grand Prix Literatur, die höchste Literaturauszeichnung der Schweiz.

Christa Baumberger

Christa Baumberger ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Kulturpublizistin und Kuratorin. Sie schreibt und gibt Bücher heraus, zuletzt «Die Korber-Chronik» von Albert Minder (Chronos 2025). Sie hat die Ausstellung «Merz Welt» kuratiert und leitet seit 2018 die Stiftung und Galerie Litar.

Fotoporträt einer jenischen Familie

Eröffnungsrede «Merz Welt» von Manfred Papst, Galerie Litar, 12.09.2025. Foto: Jairo N'tango.

 

Epiphanien des Alltags

Kleine Rede auf Klaus Merz zur Eröffnung der Ausstellung «Merz Welt»,
Galerie Litar Zürich, 12. September 2025

Von Manfred Papst

 

Auf der Einladung der Galerie Litar zur Ausstellungseröffnung sehen wir eine etwas unscharfe Farbfotografie aus dem Jahr 1971: Klaus Merz und sein Bruder Martin stehen am Strand im südfranzösischen Aigues-Mortes. Der Schnappschuss führt direkt zum Thema der Ausstellung «Merz Welt» und ruft eine Beziehung in Erinnerung, die für Klaus Merz wie für sein Schreiben prägend war. In seinem Meisterwerk Jakob schläft, das im Zentrum der von Christa Baumberger kuratierten Schau steht, hat sie ihre dichterische Ausformung gefunden. In der autobiografischen Erzählung «Querfahrt», die Klaus Merz 1994 in den Band Am Fuss des Kamels aufgenommen hat, lesen wir: «Der Bruder schlief, als wir ankamen, sein modelliertes Köpfchen lag auf dem weissen Kissen und wusste nichts von sich selbst. Auch ich sah nicht, was ich wusste. Das Wort Wasserkopf hat uns das sachdienliche Leben erst später beigebracht.»

Diese unheimlichen Sätze finden sich drei Jahre später fast unverändert im 5. Kapitel von Jakob schläft wieder. Sie sprechen von Martin Merz (1950–1983), dem fünf Jahre jüngeren Bruder des Dichters. Eine innige, geheimnisvolle Beziehung, vielfältig wirksam auch über den Tod des Jüngeren hinaus, verband die beiden Brüder, die in Menziken im aargauischen Wynental aufwuchsen. Martin lernte trotz seiner schweren Beeinträchtigung lesen und schreiben (nicht aber gehen und rechnen) und verfasste schon als Halbwüchsiger selbst Gedichte. Immer wieder ist Klaus Merz auf Martin (der im Roman «Sonne» heisst) zurückgekommen, immer wieder hat er sich für dessen schmales Werk eingesetzt: als gälte es, eine späte Dankesschuld abzutragen und Zeugnis abzulegen von einem so erschütternden wie beglückenden gemeinsamen Leben.

Im Abstand von zwanzig Jahren hat er das Werk des Bruders zweimal herausgegeben; zuletzt 2003 unter dem Titel Zwischenland, im Innsbrucker Haymon Verlag, der auch sein eigenes Oeuvre betreut. Die Texte von Martin Merz bewegen sich vom Engen ins Weite. Sie sprechen aus dem Inneren einer Familie, auf die sich früh schon Kummer legte. Wir sind darüber unterrichtet:

Ein erstes Kind – der schlafende «Jakob» im Buch – wurde tot geboren, den Vater begannen epileptische Anfälle heimzusuchen, und dann kam auch noch der jüngste Sohn mit einer schweren neurologischen Erkrankung zur Welt. «Hydrozephalus» hiess der Terminus technicus für das Unglück. Aus Spitalaufenthalten, Operationen, Privatunterricht, Fortbewegung im Rollstuhl bestand fortan der Alltag. Lektüre wurde wichtig, auch das Radio: Hörspiele, Lesungen, Schlager. Die Schallplatten mit Märchen konnte der Bub alle auswendig. Als etwa Zehnjähriger kam er in die Heilpädagogische Sonderschule Reinach. Das Leben zu Hause entfaltete seine eigene Dynamik: Indem die Familie sich um das Sorgenkind kümmerte, wuchs sie zusammen – wobei das Leben im Magnetfeld des Bedürftigen nicht einfach war und der Bruder sich auch an Zustände ohnmächtiger Wut erinnert. Ein befreundeter Velomechaniker konstruierte ein Dreirad, auf dem Martin, den seine Füsse nicht trugen, sich fortbewegen konnte, eingeschirrt in ein «Gestältli» und in Obhut einer Begleitperson. Im 20. Kapitel von Jakob schläft verunfallt er auf diesem Gefährt.

Sie alle kennen die weitere Geschichte: Klaus wurde Lehrer, Schriftsteller, Familienvater, liess sich in Unterkulm nieder. Die ersten Gedichtbände der Brüder waren fast gleichzeitig erschienen: Klaus’ Gedichte Mit gesammelter Blindheit 1967 im Tschudy Verlag, Martins Gedichte eines Kindes nur ein Jahr später bei Fretz & Wasmuth. 1971 reiste Martin mit Klaus und dessen junger Frau Selma nach Südfrankreich, in einem Renault 4. Bei Aigues-Mortes, ging er, gestützt vom Bruder, einige Schritte im Meer. Da sind wir wieder beim eingangs erwähnten Bild. In den folgenden Jahren verschlimmerte sich Martins Leiden, doch lebte er länger, als die Ärzte erwartet hatten. Nach dem Tod der Mutter (1980) stand er unter der Obhut des Vaters; im Frühjahr 1982 kam er ins «Lindenfeld» Suhr. 1983 schloss sich sein Lebenskreis.

Von Abschied, Tod, Vergänglichkeit ist bei Klaus Merz viel die Rede, aber auch immer wieder von der Schönheit der Welt in ihrer steten Gefährdung. Er wagt – ohne Tremolo, dafür mit zärtlicher Akribie – etwas, das seit Jahrtausenden die Aufgabe der Dichter ist, auch wenn wir das grosse Wort mittlerweile scheuen: Er feiert das Dasein.

 

Manfred Papst 

Manfred Papst (*1956 in Davos) studierte in Zürich Sinologie, Germanistik, Kunstwissenschaft und Geschichte. Von 1989 bis 2021 war er für das Haus NZZ tätig, erst als Programmleiter des Buchverlags, dann als Ressortleiter Kultur der NZZ am Sonntag, für die er weiterhin schreibt.

 

Die vollständige Eröffnungsrede von Manfred Papst können Sie hier nachlesen.

Arme Schweiz – Lika Nüssli und Albert Minder erzählen

Die Korber-Chronik in einem frühlingshaften Garten

«Die Korber-Chronik» in einem frühlingshaften Garten. Foto: Lisa Steurer.

 

Die Korber-Chronik: Ein Stück vergessene Schweizer Geschichte

Eine Rezension zur Neuedition von Albert Minders «Korber-Chronik. Aus dem Wanderbuch eines Heimatlosen» (Chronos, Zürich 2025), herausgegeben und mit Nachworten von Christa Baumberger und Nina Debrunner.

 

Es ist das Jahr 1859.

In Amerika zeigen sich erste Tendenzen in Richtung des Bürgerkriegs, in England veröffentlicht Charles Darwin das bahnbrechende Werk «Über die Entstehung der Arten» (engl. Originaltitel «On the Origin of Species») und in Ägypten wird der Suezkanal gebaut – und auch in der Schweiz geschieht Historisches: 1850 wird das Heimatlosengesetz schweizweit eingeführt. Das bedeutete, dass all diejenigen Schweizer, die bis anhin noch keinen festen Wohnsitz oder Heimatort gehabt hatten, eingebürgert wurden. Eine treibende Kraft dahinter war Jakob Stämpfli, nicht nur bekannt als Jurist und Politiker, sondern vor allem als Verfechter der Heimatlosen. Jakob «Köbu» Stämpfli war seinerzeit eine der grössten Stimmen, ging ein in die Geschichtsbücher und schaffte es somit, nicht in Vergessenheit zu geraten. Doch diejenigen, die direkt von diesem Gesetz betroffen waren und deren Leben sich dadurch grundlegend veränderte – über sie sprach niemand. Erst im Jahr 1947 änderte sich das mit dem Erscheinen der «Korber-Chronik» endgültig, geschrieben wurde das Buch von Albert Minder – Sohn von ehemals Heimatlosen.

Das Buch beginnt in einem nüchternen Ton: Über den Grossvater und die Urgrossmutter des Ich-Erzählers Albert Minder sei in der Chronik nichts herauszufinden, heisst es. Bloss der Name und das Geburtsdatum waren bekannt, und der Umstand, dass sie keinen festen Wohnsitz und keinen Heimatort gehabt hatten.

«Mein Grossvater war als Korberkind geboren worden, blieb Korber und starb als Korber.» 

Doch zum Glück ist die Geschichte hier nicht zu Ende, denn Albert Minder erzählt von mehr als dem, was in der offiziellen Chronik steht. Er erinnert sich an Jugenderzählungen seines Vaters, wie dieser mit den Grosseltern umhergezogen ist, wie sie jeweils an den Gemeindegrenzen übernachtet hatten für den Fall, dass sie aus der Gemeinde verscheucht würden. So musste man sich nur einmal im Halbschlaf auf die andere Seite rollen und lag bereits im nächsten Bezirk.

Ja, die Korber hatten sich zwar durchaus an das Leben als Heimatlose gewöhnt, trotzdem aber wurde jener Jakob Stämpfli als Held gefeiert – «das war ‹ihr› Stämpfli!» Doch nicht alles lief so reibungslos, wie man meinen könnte:

«Bei unserer Familie zögerte sich die Einbürgerung immer noch volle drei Jahre, bis zum 1. Oktober 1861, hinaus, da sich die Limpacher, denen wir zugeteilt wurden, wie die Wilden wehrten.»

Die Minders legen später auch ihre Tätigkeit als Korber ab, der Vater geht unterschiedlichen Tätigkeiten nach, unter anderem als gelernter Zigarrenmacher. Das Leben der Familie in Bern und Burgdorf brachte auch dunkle Zeiten mit sich. So schreibt Albert Minder, dass «die Korber sozusagen ausnahmslos einen alten vererbten Drang nach gebrannten Wassern haben», der besonders gefährlich wird, wenn man mit Alkohol statt mit Geld bezahlt wird, was damals noch oft der Fall war. Das Thema Alkoholismus kommt im Buch immer wieder auf, meistens aber lässt es sich nur aus den Erinnerungen des kleinen Alberts erschliessen, der seinerzeit noch nicht verstand, was mit den Grosseltern geschah:

«(…); ich trippelte unbemerkt hinter ihr (seiner Mutter) her und sah nun etwas, das ich seitdem nie mehr vergass. Die Grossmutter lag noch im Bett, aber rings um das Bett war alles nass von Speichel!»

Diese Stelle ist besonders eindrücklich zu lesen. Einerseits, weil das Leid, das eine solche Suchtkrankheit mit sich bringt, treffend beschrieben wird, und andererseits, weil hier zu beobachten ist, wie Albert Minders eigene Erinnerungen langsam einsetzen – und das mit einem besonders einschneidenden Erlebnis. Diese Erlebnisse führten auch dazu, dass sich Albert Minder zeitlebens sehr für die Abstinenzbewegung engagierte. Das weitere Leben der Familie wird in Bruchstücken erzählt – die Zeit der Eltern in der Fabrik, Besuche eines Stadtmissionars, wie der Alltag in den unterschiedlichen Jahreszeiten abläuft. Viele Jahre vergehen und plötzlich geht Albert Minder, der Ich-Erzähler, in die Schule, möchte Pfarrer werden und zieht schliesslich aus dem Elternhaus aus. Pfarrer wird er allerdings vorerst nicht, sondern zunächst einmal Seminarist und Handlanger – an dieser Stelle bricht Albert Minders Erzählung abrupt ab.

Die Korber-Chronik liefert nicht unbedingt eine chronologische Erzählung des Lebens der Familie Minder; auf den eigentlichen Inhalt verweist vielmehr der Untertitel: Aus dem Wanderbuch eines Heimatlosen. Zwar sind die Minders auf dem Papier nicht mehr heimatlos, und doch ziehen sie viel um. Sie sind auf Wanderschaft und stets auf der Suche nach Arbeit und einem Einkommen, um die Familie durchzubringen. Zudem weist das Wörtchen aus im Untertitel auf eine Ausschnitthaftigkeit hin, auf etwas Fragmentarisches; der Anspruch auf Vollständigkeit besteht nicht und im Fokus stehen einzelne Erinnerungen. Zuerst diejenigen des Vaters und dann die von Albert Minder selbst. In den einzelnen Teilen des Werkes findet man sich zurecht, die erzählte Welt zeigt sich dank Minders Hang zum Detail vor dem inneren Auge. Jedoch sind die Sprünge zwischen den Erinnerungen schwer zu fassen, auch verschwimmen Zeit und Örtlichkeiten, der rote Faden ist nicht immer gleich gut nachvollziehbar. Genauso bruchstückhaft und unvollständig wie die Einträge der heimatlosen Familie in der tatsächlichen Chronik waren, sind es auch die Erinnerungen in diesem Buch – und doch hat man am Ende der Lektüre ein viel grösseres Verständnis jener Zeit und der betroffenen Personen. Genau solche persönlichen Geschichten sind es, die uns die Vergangenheit der Menschen näherbringen und verstehen lassen.

 

Lisa Steurer

Lisa Steurer hat ein Volontariat in einem Verlag absolviert und beim Entstehen von Literatur mitgeholfen – momentan ist sie im Strauhof tätig und hilft mit, solche Literatur in Räumen zu vermitteln. Nebenbei studiert sie Germanistik und Sozialwissenschaften im Master an der UZH und arbeitet an Buchprojekten mit.

 

Ausstellungsansicht Arme Schweiz: Lika Nüssli und Albert Minder erzählen, Galerie Litar. Foto: Nakarin Saisorn.

Ausstellungsansicht «Arme Schweiz – Lika Nüssli und Albert Minder erzählen», Galerie Litar. Foto: Nakarin Saisorn.
 

Was sind Graphic Novels? Ein Erfahrungsbericht

«45 Minuten mit Julia Marti», Co-Verlegerin Edition Moderne

Die Stühle sind dicht aneinandergereiht, die Temperatur hier drin fast etwas zu warm, bedingt durch die steile Velofahrt bergauf zur Galerie Litar. Die Besucher:innen der Veranstaltung «45 Minuten mit Julia Marti» sitzen im vorderen Teil der Ausstellung, umgeben von Auszügen aus Albert Minders Werk und Leben. Heute geht es aber nicht um Minder, sondern um «Starkes Ding» (2022): die Graphic Novel von Lika Nüssli. Ihre Verlegerin bei Edition Moderne, Julia Marti, schaut gespannt ins Publikum, auf dem Bistro-Tisch der beige-grüne «Schunken».

Diese Szene könnte mensch auch mit dem Stift skizzieren: gereihte Stühle im Close-up, eine feuchte Stirn über dem Ausstellungstext, ein bigger-than-life Buch auf leicht rostigem Bistro-Tisch. Wie liesse sich diese Situation pointierter darstellen? Welche Form vermittelt was besser? Ein Text oder ein Comic?

Die Vermittlung von Geschichten, von Eindrücken – auch tragischen und schweren: Darum geht es bei «Starkes Ding». Die Graphic Novel, die den Schweizer Literaturpreis 2023 gewonnen hat, erzählt mit Bildern, Tagebucheinträgen, Mundartszenen und ganz viel schwarzer Tusche eindrücklich die Geschichte von Lika Nüsslis Vater als Verdingbub. Das Einzigartige: Unmittelbarkeit wird hergestellt. Auf den ersten Blick werden schwere Konzepte erkennbar gemacht. So wird zum Beispiel die erlebte häusliche Gewalt so abgebildet, dass der Protagonist nach der Gewalterfahrung nur noch ein versohltes Hinterteil ist. Das erschüttert nochmal anders. Gefühlseindrücke werden durch die Zeichnungen verstärkt und unverzüglich verständlich vermittelt.

Doch wo liegt der Unterschied zu Comics? Gibt es diesen? Ja und nein: Eigentlich werde der Begriff synonym verwendet, bei Graphic Novels finde sich aber eine «starke Autor:innenschaft» vor, so Julia Marti. Ein Drang danach, eine Geschichte zu erzählen. Weiter sei die Serialität ein wichtiger Unterschied: Während bei Comics die Geschichte weitergeht, sind Graphic Novels meist in sich geschlossen. Klar, es gebe auch dort Ausnahmen, meistens haben Graphic-Novel-Autor:innen aber schon ein Buch als Ziel. Ein Endprodukt, ein Ding, welches publiziert, gelesen und verstanden werden möchte.

Julia Marti erwähnt bei der Definitionsfrage auch Scott McCloud: In «Understanding Comics: The Invisible Art» (1993) nähert sich der Comictheoretiker einer Definition an: Ein Comic bestehe aus «Juxtaposed pictorial and other images in deliberate sequence, intended to convey information and/or to produce an aesthetic response in the viewer» (S. 6).  Viel zu lange, das gibt McCloud auch selbst zu. Darum dann doch kürzer und von Will Eisner inspiriert: Comics und Graphic Novels sind sequentielle Kunst (ebd.). Nacheinanderfolgende Bilder, die eine Geschichte erzählen.

Dies wird mir beim Rundgang durch die Ausstellung genau verdeutlicht: Wenn ich schnell von Bild zu Sprechblase zu Bild laufe, kann ich einen Comic erkennen. Panels, die aufeinander folgen, Bedeutungen, die sich erst im Dazwischen entfalten. Durch den Kubus in der Mitte des Raumes bleiben andere Seiten verdeckt. Ich bin neugierig, laufe weiter, will mehr entdecken. Vielleicht ist genau das die Stärke der Graphic Novel: das Unausgesprochene sichtbar machen, ohne es festzunageln. Geschichten nicht nur zu erzählen, sondern erfahrbar zu machen. Und wie Julia Marti sagt: Es geht nicht darum, Disziplinen zu trennen, sondern darum, an ihren Rändern Neues zu entdecken. Vielleicht beginnen genau dort, an den Rändern, die Geschichten, die uns am meisten bewegen.

 

Fabian Weingartner

Fabian Weingartner hat Englische Literatur- und Sprachwissenschaften, Geschichte und Gender Studies studiert und arbeitet jetzt in der Politik. Mit seinem Literaturprojekt «silent reading rave» möchte er Menschen dazu bewegen, wieder mehr zu lesen. Gelebt, gelesen und gearbeitet wird meist in Zürich.

 

Bilder aus: Starkes Ding und Une Enfance de paille

Bild links aus «Starkes Ding» © 2022 Edition Moderne / Lika Nüssli; Bild rechts aus «Une Enfance de paille» © 2023 Atrabile pour l’édition française.
 

Die Übersetzung als Vermittlung: der Fall «Starkes Ding» von Lika Nüssli

Workshop zur literarischen Übersetzung mit Camille Logoz

Die Diskussion über Übersetzung ist eine alte Debatte: Einerseits gibt es diejenigen, die eine treue und wortwörtliche Wiedergabe des Textes befürworten; andererseits gibt es die, die einen freieren und kreativeren Ansatz bevorzugen, der auf eine literarische und nicht wortwörtliche Übersetzung des Textsinns abzielt. Die Übersetzung wird somit zu einer Suche nach einer Begegnung auf Augenhöhe, die als ein kulturelles Paradigma schliesslich auch einen Dialog mit dem Fremden eröffnet.

Gerade die literarische Übersetzung steht im Mittelpunkt des Workshops mit Camille Logoz, der Übersetzerin der französischen Version der Graphic Novel «Starkes Ding» von Lika Nüssli (Edition Moderne, 2022), veröffentlicht unter dem Titel «Une Enfance de paille» (Atrabile, 2023). Das Werk erzählt die Geschichte von Ernst, dem Vater der Autorin, der als Verdingkind bei einer fremden Bauernfamilie im Toggenburg schwer arbeiten musste. Während die aktuelle Ausstellung in der Galerie Litar das Thema Armut in der Schweiz anhand von Lika Nüsslis Werk und der kürzlich neu edierten «Korber-Chronik» von Albert Minder (Chronos, 2025) beleuchtet, rückt der Workshop mit Logoz die sprachlichen und regionalen Reichtümer der Übersetzung dieser Graphic Novel in den Fokus.

Doch das bringt auch einige Schwierigkeiten mit sich. Die ersten Herausforderungen treten bereits auf, noch bevor man in die Seiten des Buches eintaucht: Logoz bleibt gleich beim Titel des Werkes stecken. «Starkes Ding»: ein Ding, unpersönlich, entmenschlichend, schwer zu beschreiben. Aber vor allem auf die Anspielung auf das Wort «Verdingkind» kommt die Übersetzerin zu sprechen, die im Deutschen so gut funktioniert, im Französischen aber verloren geht. Es sei schwierig, eine wortwörtliche Übersetzung zu finden. Sie entscheidet sich für eine Entfernung vom Original. Sie wählt eine Lösung, die keine blosse semantische Äquivalenz erzeugen will, sondern eine Neuinterpretation, die die evokativen und vielschichtigen Dimensionen dieser schwierigen und mit Brüchen versehenen Lebensrealität auf dem Land bewahrt: «Une Enfance de paille», was sich im Deutschen als «Eine Kindheit aus Stroh» übersetzen liesse.

Dann schlägt man das Buch auf und taucht in die Seiten ein, in die Illustrationen von Lika Nüssli und die Texte, die in der anderen Sprache eine neue Form finden müssen. Das Genre des Werkes, die Graphic Novel, stellt zwei zentrale Herausforderungen: das Verhältnis zur Mündlichkeit – in dem die Onomatopöien eine entscheidende Rolle spielen – und die Interaktion mit den Illustrationen. Eine der unerwarteten Schwierigkeiten betrifft die Übersetzung der Eigennamen der Tiere, die in Ernsts Leben eine wichtige Rolle spielen und deren Namen ein Gefühl von Vertrautheit vermitteln sollen. Die Namen sollen sich also auch in der französischen Version möglichst vertraut anhören. So wird «Bethli» zu «Coquette», «Gurth» wird zu «Dolly», «Wissbuch» zu «Marguerite». Und dann ist da noch der Dialekt, zu dem in der französischen Schweiz eine ganz andere Beziehung besteht als in der deutschen Schweiz. Die Übersetzerin entscheidet sich nicht für einen spezifischen Dialekt, sondern greift auf Begriffe und Wendungen aus verschiedenen Regionen der französischen Schweiz zurück, um den Idiolekt von Ernst nachzubilden.

Über die Bilder wurde wenig gesagt: Logoz gesteht mir, dass sie als Übersetzerin oft alles sagen möchte, vielleicht mehr als nötig, um den Lesern und Leserinnen ein möglichst vollständiges Verständnis zu garantieren. Im Fall einer Graphic Novel schliesst das Bild als zusätzlicher Bedeutungsträger aber oftmals genau die Lücken, die beim Übersetzen auf der Textebene entstehen können.

Der Workshop hat gezeigt, dass die literarische Übersetzung weit mehr ist als eine technische Übung: Sie ist ein Akt der kulturellen Vermittlung, ein Prozess, bei dem jedes Wort ein Universum von Bedeutungen in sich trägt, das mit Sensibilität und Kreativität rekonstruiert werden muss.

 

Lodovica Casari

Lodovica Casari schliesst derzeit ihr Studium der Italianistik und Sozialanthropologie an den Universitäten Zürich und La Sapienza in Rom ab. Ihr besonderes Interesse gilt der Literatur und Übersetzung im Kontext von Migration, Mehrsprachigkeit und transkulturellen Dynamiken sowie Fragen zu Gender und Intersektionalität in Gesellschaft und Literatur.

 

Ausstellungsansicht "Arme Schweiz", Galerie Litar. Foto: Nakarin Saisorn.

Ausstellungsansicht «Arme Schweiz – Lika Nüssli und Albert Minder erzählen», Galerie Litar. Foto: Nakarin Saisorn.
 

Repräsentation von Armut im Raum

Ein Gespräch mit Christa Baumberger, Kuratorin der Ausstellung «Arme Schweiz»,
Interview von Madeline Kroeker, 22.02.2025

In der Galerie Litar ist aktuell eine Ausstellung zur Armut in der Schweiz, vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, zu sehen. Die Ausstellung ist in zwei Räumen aufgeteilt, einen zu Lika Nüsslis Graphic Novel «Starkes Ding» (Edition Moderne, 2022) und einen zu Albert Minders «Korber-Chronik» (Chronos, 2025).
In einem Interview spricht die Kuratorin Christa Baumberger über die Entstehung der Ausstellung, die literarische Repräsentation von Armut und die Wichtigkeit, das Thema Armut auch in der Gegenwart zu diskutieren.

 

Mit welchem Begriff der Armut arbeitet die Ausstellung?

Das ist keine einfache Frage, denn am Anfang stand nicht fest, dass es eine Ausstellung über Armut wird. In Minders «Korber-Chronik» ist der Begriff der Heimatlosigkeit sehr zentral, doch als Nina Debrunner und ich mit der Neuedition der Chronik begannen, stellten wir bald fest, dass es eine Geschichte der Armut in der Schweiz im 19. Jahrhundert ist. Und als ich für die Ausstellung Albert Minder mit Lika Nüssli kombinierte, die durch ihren Vater in die Geschichte der Verdingkinder in der Schweiz eingetaucht ist, wurde «Armut» zum roten Faden. Aber weil die beiden in so unterschiedliche Epochen und Gewaltgeschichten hineinführen, finde ich es schwierig zu sagen: Das ist der Begriff von Armut, den wir hier ansprechen.

Für die Ausstellung hat Lika Nüssli Sprechblasen auf den Wänden gemalt, welche als «künstlerische Intervention» bezeichnet werden. Was ist damit gemeint?

Der Begriff der Intervention suggeriert einen Eingriff, denn es sind nicht nur schöne Bilder an der Wand. Die gemalten Sprechblasen finde ich sehr spannend, weil sie immer nur Schnipsel von Debatten und Diskursen wiedergeben. Nehmen wir etwa den Moment der Verdingung, in dem über den Preis des Kindes verhandelt wird: Es genügen drei kleine Sprechblasen und man ist mittendrin, auch in der Grausamkeit dieser Situation. Wenn ich Literatur ausstelle, geht es immer um die Frage: Wie bringe ich Sprache in den Raum? Lika Nüssli gelingt es mit diesen Sprechblasen unglaublich gut. Hat sie die Galerie Litar bemalt, ausgemalt? Nein, es ist für mich ein Vorantreiben dieses ganzen Diskurses um Verdingung und die Frage, wie spätere Generationen damit umgehen. Ich finde «Intervention» einen schönen Ausdruck dafür.

Es fällt auf, dass Lika Nüssli die Realitäten ihrer Familiengeschichte nicht beschönigt, aber trotzdem auf kunstvolle Weise darstellt. Wie kombiniert die Ausstellung diese beiden Aspekte? 

Mein Ziel war, dem künstlerischen Anspruch, den Lika Nüssli in ihrer Graphic Novel selbst hat, möglichst gerecht zu werden. Wir haben diesen Raum im engen Dialog miteinander entwickelt. So hat sie etwa die Originalzeichnungen aus der Graphic Novel selbst gewählt. Dabei hat sie bewusst Kontraste gesetzt, zwischen grausamen und schönen Szenen. Auch die Graphic Novel als Ganzes ist so, sie ist nicht nur düster, sondern enthält auch heitere Szenen. Das ist eine ganz wichtige Qualität dieses Textes, dass alles drin ist, auch die Resilienz – ein weiterer zentraler Begriff für mich, der auch bei Minder stark durchscheint. Die Ausstellung soll nicht nur das Künstlerische, sondern auch die Vielschichtigkeit des Themas zum Ausdruck bringen.

Mit Lika Nüssli waren Sie in engem Kontakt, aber bei Albert Minder ist diese Option natürlich nicht vorhanden. Wie sind Sie vorgegangen, Informationen zu Minder zu finden?

Bei Minder war es ein langer Rechercheprozess, rund drei Jahre. Von ihm gibt es keinen Nachlass, er hat jahrzehntelang in Burgdorf gelebt und nach seinem Tod musste sein Haus sehr rasch geräumt werden. Über Umwege kamen einige Kisten in die Sammlung vom Schloss Burgdorf, die ich sichten konnte. Darüber hinaus konnte ich auch noch mit Zeitzeugen sprechen, die unterdessen alle betagt sind und mir von ihren Erinnerungen an Minder erzählten.

Und wie haben Sie entschieden, welche Szenen aus der «Korber-Chronik» in die Ausstellung kommen?

Es ist eine Familiengeschichte: Minder beginnt mit der Urgrossmutter, führt weiter zu den Grosseltern und Eltern und endet mit seiner Jugendzeit. Ich wollte diese Genealogie anschaulich machen. Minder geht auch auf verschiedene Aspekte der Armut ein: Fabrikarbeit, verarmte Bauern oder Frauenarmut, die Ausbeutung von Müttern und Kindern. Und trotzdem hat die Chronik einen positiven Schluss, und das finde ich schon erstaunlich. Es ist eine ähnliche Grundhaltung wie bei Lika Nüsslis Vater. Bei beiden dringt Stolz durch: Ich habe es geschafft, ich habe mein Leben gemeistert. Ich finde das berührend und wollte diese Haltung auch zeigen.

Das habe ich auch bei Minder gemerkt. Er ist nicht abgehoben; es geht darum, allen anderen eine Stimme zu geben.

Ich glaube, das triffts wirklich. Es war sein Lebensprojekt, seine Familiengeschichte zu sichern und diesen «unbedeutenden» Leuten, die zeitlebens nie gehört wurden, eine Stimme zu geben. Und zwar eine Stimme, die auch zu ihnen passt. Es ist wirklich ein polyphones Buch, alle haben ihren eigenen Akzent und ihre eigene Sprache, aber Minder macht sich auch über niemanden lustig. Jede Person bewahrt ihre Würde und erhält dadurch etwas Unverwechselbares. Ich finde, da ist ihm etwas Wichtiges und auch Schönes gelungen.

Was hoffen Sie, dass das Publikum von der Ausstellung mitnimmt?

Bestenfalls kann die Ausstellung eine Anregung sein, sich weiter mit diesen Themenfeldern auseinanderzusetzen. Dann wäre der Zweck der Ausstellung schon mehr als erfüllt. Wir wollen aber auch den Sprung in die Aktualität schaffen, deshalb hat Nicole Schmid für die Edition Litar mit Sandra Brühlmann, einer armutsbetroffenen Person, über die heutige Situation von Armut gesprochen. Die Ausstellung hat zwar einen historischen Fokus, aber sie führt auch ins Hier und Heute, in die reiche Schweiz, wo Armut verbreitet aber wenig sichtbar ist. Diese Sichtbarkeit zu vergrössern, das Sprechen und die Reflexion darüber anzutreiben, auch mit unserem Rahmenprogramm, ist uns sehr wichtig.

 

Madeline Kroeker

Madeline Kroeker studiert Englisch und Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Das Interesse für Bücher hat Madeline Kroeker zur Auseinandersetzung mit Fragen geführt, wie Literatur mit Machtverhältnissen verbunden ist und wie sie soziale Normen legitimieren oder widersprechen kann. Der Fokus liegt dabei auf Kolonialismus und den gegenwärtigen Konsequenzen, aber auch auf Themen wie Gender, Queerness und kapitalistische Machtstrukturen.

 

Albert Minder mit Velosolex vor seinem Dichterhäuschen, Burgdorf 1951.

Albert Minder mit Velosolex vor seinem «Dichterhäuschen», Burgdorf 1951. Museum Schloss Burgdorf, Sammlung Rittersaalverein. Foto: Andreas Marbot.
 

Ausgesöhnt

von Svenja Herrmann

 

Steht jene Traumgestalt am Dichterhäuschen
das Stück Land so ein Ankommen
kein Herumgeschubse oder Fortjagen mehr
verwunderte Blicke fallen
auf die Drachengesichter aus Stein
auf die Worte an der Hauswand
ein Licht 
trotz allem
die ganze Reise lang
eingefangen in dem dichten Geflecht der Körbe
mit Generationenhänden
gebändigt die Ruten und Zweige
vielleicht lag einmal eine Hand auf der Schulter
im richtigen Moment
schwer aber aufrichtend
auch im Graben unter Gelächter Vorübergehender
jenes Licht
jene Traumgestalt

 

Das Gedicht «Ausgesöhnt» steht in einem Dialog mit dem untenstehenden Gedicht «Das Dichterhäuschen» von Albert Minder und mit den bewegenden Episoden aus seiner «Korber-Chronik».

 

Das Dichterhäuschen

von Albert Minder

 

Sein Häuschen steht am Schönenbühl
Wie ein ganz kleines Sinngedicht
Denn ein grossart’ges Herrenpfühl
Und eine Villa ist es nicht.

Es ist ein kleines Bretterhaus
Umrahmt von bunten Kieselstein,
Und der da gehet ein und aus,
Wird auch kein reicher Feger sein.

Recht typisch steht am Häuschen dort
«Entschwebend» jene Traumgestalt
Der armen Maler ein Wort
Vom selben Dichter hingemalt.

Der Spruch der «warnt», im Häuschen hat's
Hier weder Gold noch Edelstein;
«Nur geistig Gut – «ein wahrer Schatz» –
Wird einzig hier zu finden sein.

Denn heimatlose Korber sind
Und waren wirklich nie verwöhnt.
Doch trotz dem Regen und dem Wind
Ist der nun endliche ausgesöhnt!

 

Ein paar Zeilen zum Dichterhäuschen:

«Albert Minder musste alt werden, bis er im eigenen Haus wohnt: In seinen Berufsjahren kommt er bei seinem Bruder unter, am Alten Markt 6 in Burgdorf. Erst nach der Pensionierung 1948 pachtet Albert Minder von der Burgergemeinde für hundert Franken im Jahr ein Stück Land. Am Stadtrand von Burgdorf, am Schönebüeli, lässt er sich eine Holzbaracke bauen: sein «Dichterhäuschen». Er verziert Aussen- und Innenwände mit eigenen Gedichten, rund ums Häuschen legt er einen bunten Wall mit Steinen aus der Emme an. Auch die Steine beschriftet er oder bemalt sie mit Drachenköpfen. Bis ins hohe Alter ist das Dichterhäuschen Albert Minders Daheim. Dort plaudert er mit seinen Freunden über Gott und die Welt.»

Quelle: Schloss Burgdorf, Ausstellung, Themenräume

«Minders Dichterhäuschen wird Anfang der 1960er-Jahre Treffpunkt nonkonformistischer Kreise», wie Christa Baumberger in der von ihr und Nina Debrunner neu herausgegebenen Chronik schreibt und eine schöne Erinnerung von Martin Schwander zitiert: «(...) Das Häuschen glich eher einer Baracke als einem Haus. (...) Beim Eintreten stand man sofort im Wohnraum, der ganz voll war mit Büchern. Hauptsächlich junge Menschen kamen zu ihm (Albert Minder), denn die Gespräche waren sehr interessant, man diskutierte über Gott und die Welt, und erzählte auch aus seinem eigenen Leben. (...) Das Häuschen wurde abgerissen und kaum etwas mehr erinnert an den eigenwilligen Burgdorfer.»
Umso wertvoller ist es, dass die Korber-Chronik im Chronos Verlag neu erschienen ist! 

Quelle: Albert Minder, Die Korber-Chronik. Hg. v. Christa Baumberger und Nina Debrunner, Zürich, Chronos Verlag 2025, S. 113 und 197.

 

Svenja Herrmann

Svenja Herrmann ist Lyrikerin und Poesievermittlerin. Mit schreibstrom.ch engagiert sie sich für Kinder und Jugendliche. Ihre Gedichtbände «Ausschwärmen» und «Die Ankunft der Bäume» sind im Wolfbach Verlag («Die Reihe») erschienen. Zwei Anthologien zu den Menschenrechten, die sie zusammen mit der Schriftstellerin Ulrike Ulrich herausgegeben hat, versammeln namhafte Schweizer Autor:innen, die literarisch auf die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte reagieren. Die Bücher sind im Salis Verlag erschienen.
Svenja Herrmann lebt und arbeitet in Zürich, wo sie sich für den Menschen und die Poesie einsetzt – schreibend, herausgebend und vermittelnd.

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