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Ein Blick hinter die Kulissen einer Literaturausstellung und darüber hinaus: In unregelmässigen Abständen vertiefen Autor:innen, Studierende und weitere Beteiligte in diesem Blog ausgewählte Inhalte der Galerie Litar. Ein vielstimmiger Raum, wo die verschiedenen Fäden einer Ausstellung zusammenlaufen.

 

Schillernde Blasen
Friedrich Glauser – Nando von Arb

Foto von Peter Stuiber

Bild: Ansprache von Peter Stuiber zur Eröffnung der Ausstellung «Schillernde Blasen», Galerie Litar, 04.09.2026. Foto: Jairo N'tango.

 

Friedrich Glausers Wiener Kindheit

Friedrich Glauser wuchs in Wien um 1900 auf, einer Weltmetropole zu dieser Zeit. Doch was heisst das eigentlich genau?

Literarisch sind zumindest keine Einflüsse davon zu sehen; und auch später sollte die künstlerische Avantgarde der Stadt, wie Gustav Klimt, Egon Schiele, oder Otto Wagner, keinen nennenswerten Anklang finden in Glausers Werk.

Also ist Glauser kein geistiger Spross aus Wien um 1900, auch nicht mit Verspätung?

Immerhin ein zentrales Thema sollte Glauser zeitlebens mit Wien verbinden und begleiten, wenn auch vielleicht mehr oder weniger unfreiwillig: die Psychoanalyse, zu der er als Patient und Schriftsteller ein äusserst zwiespältiges Verhältnis hatte.

Was blieb sonst noch von Wien um 1900 bei Glauser?

Sicherlich der Eindruck einer pulsierenden Metropole, die innerhalb von knapp fünf Jahrzehnten ihre Bevölkerungszahl auf rund zwei Millionen vervierfacht hatte, eine Stadt im ständigen Auf- und Umbruch, gerade auch in Glausers unmittelbarer Umgebung, am Karlsplatz, der damals erst mit der Überwölbung des Wienflusses als Fläche zusammenwuchs und seinen Namen erhielt. Zurecht könnte man Glausers frühe Jahre als «Wiedner» Kindheit bezeichnen. Denn so gut wie alles in seinen Kindheitsjahren spielte sich im 4. Bezirk (Wieden) ab.
In dieser «Wiedner» beziehungsweise Wiener Kindheit fanden jedoch Dinge wie Ausflüge oder Besuche kaum statt, und auch Freunde spielten kaum eine Rolle. Der Haushalt Glauser um 1900 in Wien bildete eine bürgerliche Bezirksexistenz in einer Millionenmetropole.
Ein weiterer zentraler Aspekt in Glausers Kindheit und Jugend in Wien um 1900 stellt die Beziehung zum Vater dar, die besonders nach dem frühen Tod der Mutter sehr schwierig und von Konflikten geprägt war.

Können Sie den Vater genauer beschreiben?

Der Vater von Glauser war ein zurückgezogener, strenger Mann, offenbar wenig musisch, kaum hiesige Freunde, stolz auf sein Schweizertum, Muttersprache Französisch, mit seinem Akzent für jeden als «Zugereister» erkennbar, Angehöriger einer religiösen Minderheit – auch wenn das heute vielleicht dramatischer klingt als es gewesen sein mag.

Wie prägend waren also die dreizehn Wiener-Jahre für Glauser sowohl biographisch als auch literarisch?

In mehreren Texten hat sich Glauser – einmal mit Anfang zwanzig, dann vor seinem Tod im Jahr 1938 – mit seiner Wiener Kindheit auseinandergesetzt, nicht zuletzt mit seinen prägenden schulischen Erfahrungen. Es sind zwar kurze, aber literarisch äusserst dichte Texte, die bei der Leserschaft der Wachtmeister-Studer-Romane so wenig bekannt sein dürften wie in Österreich. Erzählungen über einen Buben, den man «damals» in Wien, oft am Karlsplatz antreffen konnte und der dann später einer der wichtigsten Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wurde.

 

Der Beitrag basiert auf Peter Stuibers Essay «Wiener Kindheit um 1900», publiziert in der Edition Litar 07 (mehr Infos, siehe unten), und auf ein Kurzinterview von Sophie Wieser.

 

Peter Stuiber

Peter Stuiber studierte Geschichte und Germanistik, leitet die Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum und ist redaktionsverantwortlich für das Wien Museum Magazin. Ausstellungen und Publikationen zu kulturhistorischen Themen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, zuletzt Wien du tote Stadt. Punk um 1980 (Spector Books 2026). Organisation eines Symposiums zu Friedrich Glauser und Wien, gemeinsam mit Christa Baumberger im Wien Museum (2024).

Symposium Glauser und Wien | Wien Museum

Der Ausstellung vorangegangen ist ein internationales Symposium im Wien Museum (2024), durchgeführt in Kooperation mit Litar und der Schweizer Botschaft in Österreich.
Die Resultate der Tagung wurden in einer gekürzten Fassung in der Edition Litar 07 «Schillernde Blasen. Friedrich Glauser – Nando von Arb» publiziert. Den ungekürzten Originalbeitrag von Peter Stuiber können Sie hier nachlesen: Link

Porträt Christa Baumberger

Bild: Ansprache von Christa Baumberger zur Eröffnung der Ausstellung «Schillernde Blasen», Galerie Litar, 04.09.2026. Foto: Jairo N'tango.

 

Eine Ausstellung zum Thema Angst – Gespräch mit Kuratorin Christa Baumberger

Friedrich Glauser kennt man vor allem als Krimiautor – warum geht es in der Ausstellung nun um seine Kindheitserinnerungen?

Ja, viele kennen «Matto regiert» (1936) oder einen anderen Kriminalroman mit Wachtmeister Studer. Ich persönlich finde diese Figur etwas altväterlich. Aber Glauser hat viel mehr zu bieten. Er gilt als typischer Schweizer Autor, dabei ist er in Wien geboren. Wien um 1900 ist ein Zentrum der Moderne, Kunst, Psychoanalyse, Literatur, Musik und der Begegnung verschiedenster Menschen. Hat das alles bei Glauser einen Widerhall gefunden? Das hat mich interessiert, deshalb fand ich es fantastisch, dass wir mit dem Wien Museum ein Symposium veranstalten konnten zu Friedrich Glauser und Wien. Über Glausers Kindheit und wie sie den späteren Autor Glauser geprägt hat wusste man sehr wenig. Daraus ist dann die Idee zu dieser Ausstellung entstanden.

Wie kamen Sie auf die Idee, den Comiczeichner Nando von Arb für die Ausstellung anzufragen?

Ich wollte keine historische Ausstellung, sondern einen künstlerischen Zugang schaffen. Der Blick von heute auf Glausers Literatur interessiert mich. Was löst er heute aus? Vermag er eine junge Generation von Künstler:innen zu inspirieren? Wo ergeben sich Zündungen? Nando von Arbs Graphic Novel «Fürchten lernen» (2023) hat bei mir selbst so eine Zündung ausgelöst und ich sah viele Verbindungen in den Themen.

Was verbindet Friedrich Glauser und Nando von Arb?

Vordergründig nicht viel: von Arb ist fast hundert Jahre nach Glauser geboren, sie sind sich nie begegnet. Die Schweiz und das Umfeld, in dem von Arb aufgewachsen ist, sind natürlich sehr anders als zu Glausers Zeiten. Doch beide beschäftigen sich mit Ängsten, die sie plagen, mit Erinnerungen, mit ihrer Kindheit. Und beide suchen nach einem künstlerischen Ausdruck für ihre Erfahrungen.

Warum ist Glausers Geschichte heute noch spannend?

Ich lasse hier am liebsten Nando von Arb sprechen. Als ich ihn anfragte, kannte er Glauser gar nicht. Doch er war neugierig und hat für die Ausstellung die Erzählung «Damals in Wien» (1938) gelesen. Besonders fasziniert haben ihn die bildhafte Sprache, Glausers Erzählweise, die zwischen den Zeiten hin- und herspringt, sowie die Art und Weise, wie Glauser die Beziehung zu seinen Eltern schildert. Die Auseinandersetzung mit der Familie ist etwas, was beide verbindet. Natürlich berührt Glausers abgründige Biografie bis heute und die vielen Schicksalsschläge lassen niemanden kalt. Vor allem ist er jedoch ein begnadeter Erzähler – seine Texte sind heute noch so frisch wie vor hundert Jahren.

Warum Angst als ein zentrales Thema?

Von Arb und Glauser schildern Ängste, die wir alle kennen. Zum Beispiel die Angst als Kind, dass die Eltern sterben könnten. Glausers Mutter ist tatsächlich gestorben, als er vier Jahre war, und das hat ihn zeitlebens traumatisiert. In von Arbs Graphic Novel «Fürchten lernen» gibt es die Geschichte eines Jungen, der in der Nacht zur Mutter ins Bett schlüpft. Er gleicht seinen eigenen Atem mit demjenigen der Mutter an, so ist er sicher, dass sie beide noch atmen. Und doch kriechen plötzlich Monster unter dem Bett hervor und bedrängen den Jungen. Auch bei Glauser treten furchterregende Gestalten im Traum auf.

Wir alle kennen solche Träume …

Ja, genau. Wir alle kennen die Dämonen der Nacht. Wir alle liegen manchmal wach im Dunkeln und können uns kaum wehren vor den Gedanken, die da kommen und gehen. Das Schöne an der Ausstellung ist, dass Glauser und von Arb einen Ausdruck und eine künstlerische Form gefunden haben dafür. Sie bändigen die Dämonen nicht einfach, sondern helfen auch uns, indem sie ihnen eine künstlerische Form geben. Es geht etwas enorm Tröstliches und Heilsames von ihren Texten und Geschichten aus. Ich finde, sie haben etwas Empowerndes.

Weshalb ist das Ausstellungsthema gerade in der heutigen Zeit relevant?

Es liegen momentan viele Ängste in der Luft: Klimakrise, die geopolitische Situation, die Krise der Demokratien, Autoritarismus, aber auch im gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Bereich. Glauser durchlebte ebenfalls eine Krisenzeit in den 1930er Jahren, und diese findet ihren Widerhall in seinen Texten. Auch wenn beide von persönlichen Erlebnissen ausgehen, so denke ich, dass sie, gerade weil sie so individuell und persönlich sind, auch viel in uns zum Klingen bringen können. Mein Wunsch wäre, dass die Besuchenden gestärkt aus der Ausstellung hinausgehen.

 

Die Fragen stellte Sophie Wieser.

 

Christa Baumberger

Christa Baumberger ist Literaturwissenschaftlerin, Kulturpublizistin und Kuratorin. Seit 2018 leitet sie Litar. Sie hat zu Glauser promoviert und von 2009 bis 2018 seinen Nachlass am Schweizerischen Literatur archiv der Nationalbibliothek betreut. Herausgeberin des Briefbandes Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies …» (Limmat Verlag 2021). Organisation eines Symposiums zu Friedrich Glauser und Wien, gemeinsam mit Peter Stuiber im Wien Museum (2024). Kuratorin der Ausstellung «Schillernde Blasen. Friedrich Glauser – Nando von Arb» (2026).

Symposium Glauser und Wien | Wien Museum

Der Ausstellung vorangegangen ist ein internationales Symposium im Wien Museum (2024), durchgeführt in Kooperation mit Litar und der Schweizer Botschaft in Österreich.
Die Resultate der Tagung wurden in einer gekürzten Fassung in der Edition Litar 07 «Schillernde Blasen. Friedrich Glauser – Nando von Arb» publiziert. Den ungekürzten Originalbeitrag von Christa Baumberger können Sie hier nachlesen: Link

Bild Karl Wagner

Rede von Karl Wagner zur Eröffnung der Ausstellung «Schillernde Blasen», Galerie Litar, 04.09.2026. Foto: Jairo N'tango.

 

Rede auf Friedrich Glauser

Zur Eröffnung der Ausstellung «Schillernde Blasen», Galerie Litar Zürich, 4. September 2026

Von Karl Wagner

Friedrich Glauser weist eine der kompliziertesten Lebensgeschichten auf, die im zwanzigsten Jahrhundert möglich waren. Die schiere Menge der Daten zu seinem Leben reicht noch lange nicht hin, um eine anspruchsvolle Biographie zu verfassen. Wer, wie Glauser, ein Fall für die Psychiatrie und obendrein der Justiz wird, bringt es zwar zu einer Lebensgeschichte, die lückenloser dokumentiert ist als etwa eine literarische Laufbahn. «Das dauert zu lang, diese Lebensgeschichte, und ausserdem steht sie ja in den Akten, und meine Akten wiegen 5 1/2 Kilo», heisst es in Glausers Erzählung «Aussenseiter». Für seinen ersten Kriminalroman wollte Glauser schon mit dem Titel «Schlumpf Emil Mord» eine Fallgeschichte anzeigen, konnte sich aber gegen den Titel «Wachtmeister Studer» beim Verlag nicht durchsetzen.

Das Genre Fallgeschichte unterhält vielfach verzweigte, auch verborgene Verbindungen, zum Beispiel zum Kriminalroman, der zu Glausers Markenzeichen wurde. Die Fallstudie war aber auch für eine angehende, sich als Wissenschaft präsentierende Disziplin wie die Psychoanalyse ein probates Genre, allerdings mit dem selbst Freud verblüffenden Resultat, dass die «Krankengeschichten», die er schreibt, wie Novellen zu lesen sind und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren.» (Studien über Hysterie, 180). Tatsächlich erinnern die Gesprächsprotokolle der Krankengeschichten an Verschriftlichungen einer «talking cure», welche Bezeichnung von einer der berühmtesten Patientinnen Josef Breuers, Bertha Pappenheim, geprägt wurde.

Studers Interesse an den Wörtern, an den Gesprächen und insbesondere am Tonfall dieser Gespräche macht ihn zu einem Zeichenleser und Ohren-Philologen ganz besonderer Art. In einem Romandialog zwischen dem Wachtmeister Studer und seinem Gegenüber wünscht sich der «poetische Wachtmeister» diese Voraussetzungen für sein Handeln: «Ich brauch weniger die Tatsachen als die Luft, in der die Leute gelebt haben … Verstehst? So die kleinen Sächeli, auf die niemand achtgibt und die dann eigentlich den ganzen Fall erhellen … Hell! … Soweit das möglich ist, natürlich.»

Man könnte den Wachtmeister Studer als Verbündeten Michail M. Bachtins bezeichnen, dessen Theorie (und Lob) der Stimmenvielfalt des Romans zeitgleich unter der Herrschaft des autoritären Worts in der Sowjetunion ausgearbeitet (und also gleich unterdrückt) wurde. Es ist nicht auszuschliessen, dass diese zeitliche Koinzidenz einer Sensibilität für die Stimmenvielfalt einer vergleichbaren Erfahrung des Verhörtwerdens entspringt, die der Anstaltsinsasse Glauser und der in der Sowjetunion ideologisch verdächtige Bachtin in je anderer Weise gemacht haben.

Das fremde Wort in Glausers Texten befasst sich nicht nur mit dem Phänomen der Mehrsprachigkeit, wobei insbesondere durch die spezielle Familienkonstellation Reibungen und Annäherungen, Staunen und Aversion zwischen dem Schweizerdeutschen, dem Französischen und – prominent – dem Österreichischen anschaulich gemacht werden. Das betrifft den wienerischen Wortschatz (nur zum Beispiel: «Watschen», «Falott» (EW III, S. 90f.), österreichische, vor allem wienerische Redensarten (wie «da kannst nix machen, wie der Wiener sagt») und andere kommunikative Gesten.  Eine kompliziert verzweigte Familienkonstellation, geographisch wie mentalitätsmässig in halb Europa zerstreut, wird durch den frühen Tod von Glausers Mutter und der zweiten Heirat des Vaters besonders schwierig.

Es ist nur konsequent, dass sich Glauser, nicht ohne Selbstironie, ein Wappentier wählt, das gegen die Störfälle des Lebens und Schreibens resistent zu sein scheint. «Ich sagte Ihnen schon […] ich bin ein Maulesel. Und […] Maulesel sind keine Idealisten. Maulesel fressen Gerste oder Hafer, so man ihnen gibt, sie sind genügsam, knabbern auch gerne an Disteln, und man würde es kaum glauben, wenn man ihre weichen Lippen fühlt, dass sie so stachlige Pflanzen verschlingen können. Sie wackeln manchmal mit den Ohren (das kann ich auch), und wenn sie ihre Depressionen haben, dann legen sie sich auf die Seite und lassen sich weder durch Fusstritte, noch durch wohlgemeinte Ermahnungen aus ihrer bequemen Stellung bringen.»

Zu diesem selbstironischen Bild des Künstlers als Maulesel gehört die Beobachtung, dass Glausers Schreiben eine Suchbewegung auszeichnet, die nur momenthaft an das erstrebte Ziel reicht. Glausers poetische Heimatsuche ist aufs Gelingen aus, aber sie widersetzt sich aller vorschnellen Harmonisierung.
 

Karl Wagner

Karl Wagner,  Studium der Anglistik und Germanistik in Wien; seit 1976 Assistent, Dozent und Professor in Wien; von 2003 bis 2015 lehrte er Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Zahlreiche Publikationen und Editionen zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts; Werkauswahl: Weiter im Blues. Studien und Texte zu Peter Handke (2010); (Mit­) Hg.: Moderne Erzähltheorie (2002, 2. Aufl. 2015); Robert Walsers «Ferne Nähe» (2008); Der Held im Schützengraben. Führer, Massen und Medientechnik im Ersten Weltkrieg (2014).

Symposium Glauser und Wien | Wien Museum

Der Ausstellung vorangegangen ist ein internationales Symposium im Wien Museum (2024), durchgeführt in Kooperation mit Litar und der Schweizer Botschaft in Österreich.
Die Resultate der Tagung wurden in einer gekürzten Fassung in der Edition Litar 07 «Schillernde Blasen. Friedrich Glauser – Nando von Arb» publiziert. Den ungekürzten Originalbeitrag von Karl Wagner können Sie hier nachlesen: Link